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Reichspogromnacht von 1938 : Merkel ruft zu Kampf gegen Extremismus auf

  • -Aktualisiert am

In ihrer Rede hob Merkel die besondere Verantwortung der Deutschen hervor Bild: REUTERS

Am 70. Jahrestag der Reichspogromnacht vom 9. November 1938 hat Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zum Kampf gegen Rechtsextremismus und Antisemitismus aufgerufen. Bei der zentralen Gedenkveranstaltung in Berlin sagte sie, Rassismus dürfe in Deutschland nie wieder eine Chance haben.

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          Die zentrale Gedenkveranstaltung zum Novemberpogrom von 1938 fand am Sonntag in der im vergangenen Jahr wiedereröffneten Synagoge in der Rykestraße im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg statt. Eingerahmt wurde sie von Filmen.

          Der erste fasste die historischen Ereignisse der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 zusammen, als die Nazis hunderte Synagogen in Deutschland in Brand setzten, jüdische Geschäfte zerstörten, in die Wohnungen von Juden eindrangen, und, am 10. November, 30.000 jüdische Männer in die Konzentrationslager Dachau, Buchenwald und Sachsenhausen schickten.

          Der zweite zeigte Aspekte jüdischen Lebens heute, da, wie die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, sagte, die Gemeinden wieder wachsen und Synagogen und Gemeindezentren neu eröffnet werden.

          Kanzlerin Merkel bei ihrer Rede in der Synagoge in der Berliner Rykestraße.

          Merkel: „Ein Irrglauben, sich nicht betroffen zu fühlen“

          Bundeskanzlerin Merkel sprach in ihrer Rede von der „dunklen Nacht“, die stellvertretend für das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte stehe. Sie hob hervor, dass die Gewalt gegen Juden in Deutschland damals „keinen Proteststurm“ hervorgerufen habe. Sie wolle nicht Jahrzehnte später als Richterin auftreten, sagte sie, doch fasse sie es als ihre Pflicht auf, „auf die Folgen dieses Schweigens hinzuweisen“. Frau Merkel bedankte sich bei denen, die damals dabei waren und die den Terror überlebt haben, für ihre Bereitschaft, gemeinsam der Nacht zu gedenken.

          Es sei ein „Irrglauben, sich nicht betroffen zu fühlen“. Unrecht könne man zwar nicht ungeschehen machen, doch man könne „Verantwortung übernehmen“. Zu Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Antisemitismus dürfe man nicht schweigen, sagte die Kanzlerin, auch nicht, wenn sie „im arabischen Raum“ vorkämen.

          Offenen oder verdeckt vorgetragenen Vorurteilen müsse man entgegentreten, wenn etwa gesagt werde, Israel führe im Gazastreifen einen „Vernichtungskrieg“. Die Unteilbarkeit der Menschenrechte bildeten den „Kern von Kultur, Zivilisation und Demokratie“, sagte Frau Merkel, und es sei die Aufgabe von Gesellschaft und Politik, ihn lebendig zu erhalten. Sie wiederholte ihre Aussage, wonach es zur „Staatsraison“ Deutschlands gehöre, die Sicherheit des Staates Israel zu schützen. Es sei für „jede Bundesregierung“ eine Verpflichtung, jüdischem Leben einen guten Platz in Deutschland zu sichern.

          Unverständnis über Linke-Abgeordnete

          Die Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags, Petra Pau (Linkspartei) erklärte, das Novemberpogrom sei „die Generalprobe für den Holocaust“ gewesen. Die Nazis seien so stark gewesen, „weil die Demokraten in zentralen Fragen zerstritten und deshalb zu schwach waren“.

          Für die Berliner Gruppe des „Forums demokratischer Sozialismus“ innerhalb der Linkspartei begrüßte der stellvertretende Landesvorsitzende Udo Wolf den gemeinsamen Bundestagsbeschluss gegen Antisemitismus. „Für uns ist es in keiner Weise nachvollziehbar, weshalb Abgeordnete der Linksfraktion diesem Antrag ihre Zustimmung verweigert haben“, heißt es in der Erklärung der Gruppe. Elf Linke-Abgeordnete hatten nicht an der Abstimmung teilgenommen. „Sie haben damit nicht nur der eigenen Fraktion und der Partei geschadet, sie haben sich in erster Linie gegen einen gemeinsamen Kampf gegen Antisemitismus positioniert“, sagte Wolf. Einer solchen Haltung werde seine Gruppe weiterhin „entschieden entgegentreten“.

          Charlotte Knobloch dankte allen, die die jüdische Gemeinschaft in Deutschland unterstützten. Sie nannte in erster Linie die Bundesregierung, erwähnte aber auch mehrfach die zahlreichen erinnerungspolitischen Initiativen. Gleichzeitig kritisierte sie jedoch abermals die leichtfertige Verwendung von historisch besetzten Begriffen wie Pogrom als Metaphern in der politischen Auseinandersetzung: „Dieses mangelnde Geschichtsbewusstsein ist nicht hinzunehmen“, sagte sie. Wer sich frage, ob die deutschen Juden „naiv“ gewesen seien, die von der nationalsozialistischen Bewegung ausgehenden Gefahr für ihr Leben nicht früher wahrzunehmen, müsse heute jedenfalls auch für leise Signale sensibel sein.

          „Willkür und Gewalt“

          Frau Knobloch nannte als Beispiel die Brandenburger Kommunalwahlen, bei der etliche Kandidaten der NPD und der DVU gewählt worden waren - vor allem, weil es keine Fünf-Prozent-Hürde gibt. Frau Knobloch erzählte davon, wie sie vor 70 Jahren als sechsjähriges Mädchen an der Hand ihres Vaters durch München ging und die Verwüstungen der Pogromnacht sah. Sie sei nicht die einzige, deren Leben seither von „Willkür und Gewalt“ geprägt worden sei, sagte sie. Sie schloss ihre Rede mit der Bitte des Auschwitz-Überlebenden Henryk Mandelbaum an Schüler aus der Bundesrepublik Deutschland: „Lasst euch von niemandem, von niemandem auf der Welt einreden, wen ihr zu lieben und wen ihr zu hassen habt.“

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