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Reich-Ranicki-Lehrstuhl : Unterstützung für den Staat Israel

Prominenter Namenspatron für eine großzügige Spende: Reich-Ranicki Bild: dpa

An diesem Dienstag wird in Frankfurt der Marcel-Reich-Ranicki-Lehrstuhl der Universität Tel Aviv ins Leben gerufen. Gestiftet haben ihn die „Freunde der Universität Tel Aviv“, eine Stiftung, die in Deutschland Geld für Israel sammelt.

          An diesem Dienstag wird im Kaisersaal des Frankfurter Rathauses Römer der Marcel-Reich-Ranicki-Lehrstuhl für Deutsche Literatur an der Universität Tel Aviv mit einem Festvortrag des Schweizer Germanisten Peter von Matt ins Leben gerufen. Künftige Vorlesungen finden freilich in Tel Aviv statt, denn die „Freunde der Universität Tel Aviv“ haben diesen Lehrstuhl dezidiert für die israelische Hochschule gestiftet.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der Namenspatron, der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki, fühlte sich mit seinen 86 Jahren jedoch zu alt, um nach Israel zu reisen. Dieser Lehrstuhl ist einer von mehreren, den die „Freunde der Universität Tel Aviv“ gestiftet haben. Sie sind eine von zahlreichen Institutionen, die in Deutschland Geld für israelische Hochschulen sammeln und dazu beigetragen haben, dass Deutschland in Israel als verlässlicher Partner betrachtet wird.

          Eifrige Spender

          Mindestens eine halbe Million Euro kostet üblicherweise ein solcher Lehrstuhl. Das Geld fließt in einen Fonds, aus dessen Erträgen die Aufwendungen für die Professur bezahlt werden. Die deutschen „Freunde der Universität Tel Aviv“ unter ihrem Präsidenten Ernst Gerhardt, dem früheren Frankfurter Stadtkämmerer, haben mehrere solcher Lehrstühle gestiftet, etwa den Konrad-Adenauer-Lehrstuhl für europäische Geschichte. Sie bilden einen Kreis von Förderern, der seit Jahrzehnten mit der Hochschule in Tel Aviv auch den Staat Israel unterstützt. Im Vorstand sitzen unter anderen der hessische Ministerpräsident Koch (CDU) und die frühere hessische FDP-Vorsitzende Wagner.

          Einmal im Jahr treffen sich Abgesandte der „Freunde der Universität Tel Aviv“ beim „Board of Governors“ in Israel, um sich zeigen zu lassen, was die Hochschule mit ihren Spenden auf die Beine stellt. Der frühere Universitätspräsident Yoram Dinstein hat zu dieser Gelegenheit gerne Noten an die Spender verteilt in der Art: Belgien enttäuschend, England schwach, Frankreich könnte besser sein. Die deutschen „Freunde“ erhalten traditionell Lob, denn sie sammeln meistens besonders viel - wobei sie über die Summen nicht gerne reden. Im vergangenen Jahr lagen sie hinter Israel und den Vereinigten Staaten auf dem dritten Platz. Vielleicht erringen sie mit dem Reich-Ranicki-Lehrstuhl jetzt die Spitzenposition.

          Konkurrenzkampf unter Israels Freunden

          Wie die Universität Tel Aviv sind auch andere israelische Universitäten auf Hilfe aus anderen Ländern angewiesen. Der Staat Israel mit seinen hohen Ausgaben für Militär und Sicherheit kann nur eine Basisfinanzierung leisten, ihren hohen wissenschaftlichen Standard hätten die dortigen Hochschulen ohne Hilfe aus aller Welt nicht erreicht.

          In Deutschland sammeln und werben unter anderen die „Freunde der Hebräischen Universität Jerusalem“, der „Deutsche Förderkreis der Universität Haifa“ oder die „Deutsche Gesellschaft der Freunde des Weizmann-Instituts“ Spenden. Sie zählen zu den treuesten Freunden Israels in Deutschland, häufig namhafte Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Gesellschaft, die kein großes Aufheben um ihr Engagement machen.

          Durch negative Meldungen aus dem Nahen Osten oder eine kritische Berichterstattung über Israel lassen sie sich wenig beeinflussen. Dies sieht man daran, dass die Höhe ihrer Hilfe in der Regel nur durch die Wirtschaftskonjunktur, nicht aber durch die politische Konjunktur beeinflusst wird. Weil aber so viele Organisationen Geld für Israel sammeln, ist der Konkurrenzkampf unter ihnen hart.

          Werbung für Israel

          Die deutschen Universitäts-Freunde wetteifern nicht nur untereinander um Spender, sondern auch mit anderen Institutionen. Zum Beispiel mit Israels offizieller Spendenorganisation „Keren Hayesod“, die 1920 in London gegründet wurde mit dem Ziel, ein jüdisches Heimatland zu unterstützen. 1956 ermächtigte das israelische Parlament diese Organisation, „Spenden, Anleihen, Geschenke, Legate und Hinterlassenschaften zu erbitten und anzunehmen“.

          Vor zwei Wochen bat der deutsche „Keren Hayesod“ Freunde und Förderer ins Hotel Intercontinental in Frankfurt zu einer Gala. Ehrengast war der israelische Botschafter Shimon Stein, der darauf hinwies, wie sehr sein Land sich Unterstützung und Solidarität nicht zuletzt aus Deutschland wünsche. Als wahres Zugpferd erwies sich die aus München stammende Melody Sucharewicz, die in Israel Star einer Reality-TV-Show ist und als inoffizielle Botschafterin mit Emphase für Israel wirbt.

          „Förderer der Krebsbekämpfung in Israel“

          Im Gegensatz etwa zu den „Freunden der Universität Tel Aviv“, zu denen viele nichtjüdische Förderer zählen, fühlen sich dem „Keren Hayesod“ vor allem jüdische Bürger verpflichtet. Für Juden in Deutschland - und nicht nur hier - ist Spenden für Israel eine Selbstverständlichkeit.

          Natürlich können nicht alle so großzügig geben wie der Frankfurter Immobilienkaufmann Josef Buchmann. Der Auschwitz-Überlebende hat im Laufe der Jahre viele Millionen Mark und Euro zur Verfügung gestellt: Erst kürzlich rettete er die Musikakademie der Universität Tel Aviv vor dem Aus, sie heißt jetzt „Buchmann-Mehta-Musikschule“.

          Andere begnügen sich mit bescheideneren Beträgen, doch auch so kommen nennenswerte Summen zusammen. Die „Frankfurter Gesellschaft der Freunde und Förderer der Krebsbekämpfung in Israel“ braucht für ihr Kinder-Projekt 150.000 Euro im Jahr - die Damen um die Vorsitzende Petra Kaffeesieder bekommen diese Summe immer zusammen, nicht zuletzt, weil Frankfurts Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) an ihrer Seite steht.

          „Vor zehn Jahren war das noch undenkbar“

          Sie ist nicht die einzige deutsche Politikerin, die sich für Israel einsetzt. Man muss nur in den Broschüren des Jüdischen Nationalfonds blättern, um bekannte Gesichter zu sehen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat für den Nationalfonds im vergangenen Jahr einen Baum gepflanzt, Bundespräsident Horst Köhler im Jahr 2005 und Willy Brandt (SPD) zusammen mit Schimon Peres 1985. Der 1901 auf dem 5. Zionistenkongress in Basel gegründete Jüdische Nationalfonds hat das spätere Israel zu einem grünen Land gemacht, indem er verödetes Land zu fruchtbaren Landstrichen wandelte und ganze Wälder pflanzte.

          Das deutsche Paradeprojekt des Nationalfonds ist der „Wald der deutschen Länder“ in der Wüste Negev. Anfang der neunziger Jahre erklärten sich die Ministerpräsidenten aller Bundesländer, ermuntert durch den späteren Bundespräsidenten Johannes Rau (SPD), dazu bereit, dieses Vorhaben als ein Symbol der Verständigung zwischen Israel und Deutschland zu unterstützen. Inzwischen beteiligen sich auch viele Städte, Kirchengemeinden und Freundeskreise an der Aufforstung.

          Doch es geht, so glaubt Johannes Gerster, nicht nur um Geld. Der frühere rheinland-pfälzische CDU-Politiker und derzeitige Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft hält die moralische Unterstützung Israels für genauso wichtig. Die vielen Aktivitäten für den Staat Israel haben, so sagt Gerster, dazu geführt, dass Deutschland in Israel als einer der verlässlichsten Freunde gleich nach Amerika und Großbritannien betrachtet werde: „Vor zehn Jahren war das noch undenkbar.“

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