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Flüchtlingshilfe in Berlin : Gut gemeint und chaotisch

  • -Aktualisiert am

Ehrenamtliche der Initiative „Moabit hilft“ versorgen Flüchtlinge mit Essen. Bild: dpa

In Berlin gibt es viel Hilfsbereitschaft gegenüber Flüchtlingen. Doch immer wieder kommt es zu Reibereien zwischen freiwilligen und hauptamtlichen Helfern.

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          Es ist eigentlich kinderleicht, Flüchtlingen bei ihren ersten Tagen in Berlin zu helfen: Man geht auf das Gelände des ehemaligen Krankenhauses Berlin-Moabit, wo gegenwärtig mindestens tausend, oft auch zweitausend Menschen in langen Schlangen darauf warten, registriert zu werden, meldet sich bei der Hilfsorganisation „Moabit hilft“, bekommt ein Namensschild und Gummihandschuhe und Informationen, was aktuell zu tun sei. Bis zu hundert Freiwillige kommen in diesen Tagen, berichtet Laszlo Hubert von „Moabit hilft“, sie sind im Alter „von 18 bis nicht ganz 80“. Viele Studenten helfen, es sind Semesterferien, aber auch rüstige Rentner und patente Hausfrauen. Die einen reichen den Flüchtlingen Wasser in Plastikbechern, die anderen sammeln den Müll von den abgetretenen Rasenflächen.

          Doch in der Wirklichkeit kann es schwieriger, anstrengender und undankbarer sein, eine gute Tat für Flüchtlinge zu tun, als man sich vorstellen kann. In der Turmstraße, wo das „Lageso“, das Landesamt für Gesundheit und Soziales, im früheren Bettenhaus auf dem schönen alten Krankenhaus-Campus sitzt, hat es in den vergangenen Tagen zwischen Ehrenamtlichen und Professionellen ordentlich gekracht. „Moabit hilft“ warf sowohl dem „Lageso“ als auch den Johannitern Versäumnisse und das „vorsätzliche“ Verhindern von professioneller Hilfe auf dem Gelände vor. Die Johanniter dementierten energisch: „Das ist nicht korrekt“, und fanden die Vorwürfe „unglaublich“.

          Die Lage der Flüchtlinge hat eine selten gesehene Hilfsbereitschaft in der deutschen Bevölkerung geweckt, überall im Land gründeten sich Gruppen, Initiativen, Stiftungen, um rasch und effizient zu helfen. „Ehrenamtliches Engagement und Spenden aus der Bevölkerung sind oftmals unentbehrlich, um adäquat helfen zu können“, meinen die Dresdner, die eine Internetplattform mit dem Titel „Ich helfe jetzt“ gegründet haben. „Die Bevölkerung möchte generell sehr gern unterstützen. Doch für viele sei die Hürde zu groß, sagt Johannes Bittner, einer der Gründer der Plattform, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, „Hilfsorganisationen und Spender unkompliziert“ zusammenzubringen.

          Wie es schieflaufen kann, wenn Bürger sich kümmern wollen, zeigte ein Projekt im Stadtteil Kreuzberg am Oranienplatz und in der früheren Gerhart-Hauptmann-Schule seit dem Herbst 2012. Mitglieder einer Flüchtlingsinitiative, die zu Fuß nach Berlin gewandert waren, um auf die unbefriedigende Lage hinzuweisen, hatten zunächst am Brandenburger Tor campiert und erstaunlich ranghohe - und wohlmeinende - Gesprächspartner gefunden. Dann landeten sie, offenbar gründlich falsch beraten, in einer Sackgasse.

          Der damalige Bürgermeister von Kreuzberg erbarmte sich, lud die Gruppe ein, erbarmte sich noch einmal und öffnete ihnen die Schule. Die zumeist türkischen Anwohner und Gewerbetreibenden zeigten anderthalb Jahre lang unendliche Geduld mit den neuen Nachbarn und Verhältnissen. Eine Unterstützergruppe organisierte Spenden, Deutschunterricht, allgemeines Wohlwollen. Dann kamen die Ratten, der Müll, Spenden wurden geklaut, den traumatisierten Flüchtlingen konnte auf dem Platz schlecht geholfen werden, ein Flüchtling tötete einen anderen in der Schule - die Zeit war offensichtlich reif für „professionelle Hilfe“.

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