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Regionalkonferenz der CDU : Nicht schießen, sondern schimpfen

  • -Aktualisiert am

Angela Merkel mit CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe in der Hessenhalle in Alsfeld Bild: Rainer Wohlfahrt

Viel Luft: In Alsfeld tritt die Kanzlerin zur ersten von sechs Regionalkonferenzen an. Sie erklärt, pariert - und gewinnt zumindest ein neues Mitglied.

          5 Min.

          Fangen wir mit der besten Nachricht des Abends an: Die CDU wird bald ein neues Mitglied haben! Ein junges, kluges, weibliches noch dazu – schließlich war es eine Studentin, die in der Alsfelder Hessenhalle, in der die Christlichen Demokraten die erste von insgesamt sechs Regionalkonferenzen abhielten, ans Mikrofon trat, um der Parteivorsitzenden Dr. Angela Merkel persönlich ihren Beitritt zum Geltungsbereich des CDU-Grundsatzprogramms anzutragen. So routiniert lobte sie den „zukunftsweisenden, konstruktiven, aber auch kritischen Dialog“, der in der Partei gepflegt werde, dass man meinen musste, sie stehe – gleich manchem frischen Gesicht der FDP – nicht am Anfang, sondern am Ende ihrer politischen Laufbahn.

          Timo Frasch
          Politischer Korrespondent in München.

          Es waren offenbar vor allem die Rede Frau Merkels und die darauf folgenden zahlreichen Wortmeldungen von Angehörigen der hessischen und thüringischen Parteibasis, welche die junge Frau in dem Eindruck bestärkten, dass die Union das Land „sicher aus der Krise manövrieren werde“. Die Kanzlerin sollte das später mit den gewagten Worten zu bestätigen suchen, sie unternehme nur solche Schritte zur Lösung der Eurokrise, deren Folgen sie „voll beherrschen“ könne. So ganz ohne jedes Restrisiko konnte die Studentin dann auch sagen, sie gehe mit einem „sehr positiven Gefühl aus der Veranstaltung“. Das tat sie dann offenbar buchstäblich, und zwar ziemlich umgehend, obwohl „die Veranstaltung“ lange noch nicht zu Ende war und es in Alsfeld und Umgebung an sich wenig gibt, was abends vielversprechender sein könnte als die ebenfalls anwesenden Hermann Gröhe und Volker Bouffier, wobei letzterer mit seinem Hinweis ins Schwarze traf, man könne nun nicht für jedes Neumitglied eigens eine Regionalkonferenz veranstalten.

          Der Atomausstieg ging vielen zu schnell

          Michael Refflinghaus, der Vorsitzende des CDU-Stadtverbands Alsfeld, blieb mit den meisten der gut 1300 Besucher – Mitglieder und Nicht-Mitglieder – die kompletten drei Stunden in der Halle sitzen. 1987 war der Rechtsanwalt in die Partei eingetreten, seitdem ist er politisch aktiv, neuerdings, nach den verlorenen Kommunalwahlen im März, auch als Oppositioneller. In seiner Gemütslage dürften sich viele, die nach Alsfeld gekommen waren, wiederfinden können: Klar, sagte der umfassend engagierte Katholik, das mit dem Atomausstieg sei ein bisschen sehr schnell gegangen.

          Auch habe Frau Merkel „leider an Farbe verloren“, und es fehle die klare Linie. Die Abschaffung der Hauptschule sei gerade in Hessen ein Reizthema; auf jeden Zug springe man auf; nichts denke man zu Ende. Aber: Frau Merkel habe es auch nicht gerade leicht, mit ihrer Doppelrolle als Kanzlerin und Parteivorsitzende, vor allem nicht mit der FDP. 2013 also wieder mit ihr? Darüber habe er noch nicht nachgedacht, sagte Refflinghaus. Er meinte damit: „Mit wem denn sonst?“

          Mal aufgeräumt, mal aufgeweckt

          Nach verbreiteter Ansicht untermauerte die Kanzlerin diese Selbstverständlichkeit auch in Alsfeld, wo sie, so fern von Philipp Rösler, einen mal aufgeräumten, mal aufgeweckten Eindruck machte. Denkverbote? Verboten sich. Den konservativen Vorsitzenden der CDU-Landtagsfraktion im Blick, sprach sie zunächst ein bisschen über das Profil der Union, was an diesem Abend aber weder Refflinghaus noch die meisten anderen übermäßig interessierte. Die Union denke vom Menschen her, nicht vom Kollektiv, sagte Frau Merkel. Das kann man mit Descartes oder den Sophisten begründen. Sie begründete es, natürlich, mit dem christlichen Menschenbild.

          Auch vereinzelte Hinweise auf schlechte Wahlergebnisse brachten sie nicht aus dem Konzept: Man analysiere das im Grunde ständig – aber die Antworten, die man bekomme, seien „so verschieden, wie unsere Partei bunt ist“. Von derlei Pflichtübungen ließ sich Frau Merkel nicht vom eigentlichen Thema des Abends ablenken: Europa. Besser: Euro. Refflinghaus sagte nach der Veranstaltung, Europa interessiere die Leute vor allem insoweit, als es um beziehungsweise an ihren Geldbeutel gehe. Er selbst glaube, dass eine Abschaffung des Euro „tödlich“ wäre. Er kenne aber viele, die sich fragten: Brauchen wir das Geld, das wir an Griechenland oder Portugal zahlen, nicht im eigenen Land?

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