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Regeln für „Whistleblower“ : Auf die Wissenschaft gepfiffen

Gegen Plagiate: „Whistleblower“ in der Wissenschaft sollen keine Nachteile haben Bild: dpa

Damit „Whistleblower“ an Hochschulen und Forschungseinrichtungen keine Nachteile haben, wenn sie auf Betrugsfälle hinweisen, plädiert die Deutsche Forschungsgemeinschaft für ein neues Regelwerk.

          Immer häufiger werden Verstöße gegen die gute wissenschaftliche Praxis durch sogenannte Whistleblower in Hochschulen und Forschungseinrichtungen bekannt. Es handelt sich dabei nicht um anonyme Vorwürfe, denen Ombudsleute in Hochschulen nicht nachgehen, sondern häufig um Hinweise nachgeordneter Hochschulangestellter, die etwa bei Autorschaftskonflikten, Fälschungen von Laborbüchern oder auch Plagiaten die Geschädigten sind. Viele „Whistleblower“ haben im Zuge von Aufklärungsverfahren ihre Stelle verloren, weil die Zusammenarbeit etwa mit einem Institutsdirektor nicht mehr möglich war. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) hat ihre 1998 verfassten Empfehlungen zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis bei ihrer Jahresversammlung in Berlin daher überarbeitet.

          Kein Überblick über Verfahren

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Sie tritt entschieden dafür ein, dass Hinweisgeber keine Nachteile für das eigene wissenschaftliche oder berufliche Fortkommen erfahren. Die Vertrauensperson wie auch Einrichtungen, die einen Verdacht überprüfen, müssten sich für deren Schutz in geeigneter Weise einsetzen, heißt es jetzt in der Empfehlung. Für den „Whistleblower“ wie für den Betroffenen soll Vertraulichkeit gelten, die dann gebrochen ist, wenn der „Whistleblower“ zuerst an die Öffentlichkeit geht. Sollte sich der Vorwurf des Fehlverhaltens als falsch erweisen, können der Hinweisgeber und der Beschuldigte nur bei Wahrung der Vertraulichkeit ohne bleibenden Schaden aus dem Verfahren hervorgehen. Sollte sich der Vorwurf als richtig erweisen, wird der Verstoß öffentlich gemacht.

          Die Hochschulen sollen selbst dafür verantwortlich sein, Ombudspersonen zu benennen und deren Funktion auch rechtlich zu sichern, etwa in der Grundordnung der jeweiligen Universität. Nur so lässt sich garantieren, dass sie in Verdachtsfällen eingeschaltet werden. Die einzelnen Ombudspersonen sollen dem „Ombudsman für die Wissenschaft“ in Bonn zudem regelmäßig von Verstößen berichten, denn gegenwärtig weiß niemand genau, wie viele Verfahren anhängig sind und wie sie gelöst werden. Außerdem soll es eine Höchstdauer von Untersuchungsverfahren geben. Die DFG hat vorgeschlagen, dass die Hochschulrektorenkonferenz eine Musterverfahrensordnung erarbeitet, aus der hervorgeht, wer Vorwürfe wissenschaftlichen Fehlverhaltens entgegennimmt und wann Ermittlungen einzuleiten sind. Außerdem sollen Tatbestände definiert werden, die als wissenschaftliches Fehlverhalten gelten. Die Hochschulen wissen solange nichts über die Zahl ihrer Doktoranden, so lange der Beginn des Promotionsvorhabens nicht dokumentiert ist. Eine Betreuungsvereinbarung, die für Betreuer und Doktoranden verbindlich regelt, wie oft Gespräche stattfinden und wann die Doktorarbeit begonnen wurde, soll das künftig ändern.

          Die zweite Währung der Wissenschaft

          In einem Positionspapier zur Zukunft des Wissenschaftssystems hat die DFG die Schlüsselrolle der Universitäten für die Selbstreproduktion des Systems bekräftigt und darauf hingewiesen, dass sich ihre eigene Rolle durch Erosion der Grundfinanzierung inzwischen erheblich verändert habe. Die DFG werde ungewollt immer mehr zum Grundfinanzier universitärer Forschung, ihre Drittmittel zunehmend zu einer Art zweiter Währung im Wissenschaftssystem. Das führe dazu, dass die DFG über immer mehr und teurere Förderanträge entscheiden müsse und trotz kontinuierlicher Etatsteigerungen proportional weniger Anträge bewilligen könne, sagte DFG-Präsident Peter Strohschneider. Er hält es für entscheidend, dass die Förderentscheidung sich allein nach wissenschaftlichen Qualitätskriterien richtet. Eine Förderung nach „politischen oder anderen Relevanzannahmen und anderen Qualitätskriterien“ komme auch künftig nicht in Betracht.

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