https://www.faz.net/-gpf-10244

Reformationstag : Die Deutschen und ihr Luther

  • -Aktualisiert am

Überlebensgroß: Im Lauf der Jahrhunderte musste Luther für viele Zwecke herhalten, und nicht immer nur für die besten. Heute ist der Umgang mit seinem Erbe schwierig - auch und gerade, wenn man sich nur mit seinen Schriften befasst. Bild: dpa

Im Jahr 2017 jährt sich zum 500. Mal der Beginn der Reformation. Jubiliert wurde schon oft. Die Jubiläen durch die Jahrhunderte sind ein Spiegel der Gesellschaften, die sie feierten.

          13 Min.

          Die Vorbereitungen für die Luther-Feiern im Jahr 2017 haben begonnen. Die Mitglieder der Gremien, die die Festveranstaltungen vorbereiten sollen, sind längst berufen, im kommenden Monat wird in der Luther-Stadt Wittenberg eine sogenannte Luther-Dekade eröffnet - zehn Jahre lang soll Luther gefeiert werden, ehe man des Auftakts der Reformation in Gestalt des Thesenanschlags gedenken wird. Was die Stadt Wittenberg und das Luther-Haus dort, das Land Sachsen-Anhalt, in dem die meisten der Luther-Gedenkstätten liegen, dazu die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, die Luther-Gesellschaft und der Verein für Reformationsgeschichte im Einzelnen planen, ist bislang unklar. Man kann jedoch vermuten, dass es den einen vorrangig um eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Luthers Leben und Werk gehen dürfte, dem Land Sachsen-Anhalt dagegen um den Versuch, das berühmteste Landeskind noch bekannter zu machen und möglichst viele Lutheraner aus aller Welt schon während der Luther-Dekade auf den Spuren des Reformators durch das arme Bundesland wandeln zu lassen.

          Ein Blick auf die Luther-Jubiläen früherer Jahre gibt indes wenig Anlass zu ungetrübter Freude. 1617, als Lutheraner und Calvinisten das hundertjährige Jubiläum des Beginns der Reformation feierten, stand die konfessionelle Selbstvergewisserung der Protestanten ganz im Vordergrund. Die Erinnerung an Luther sollte helfen, die Erfolge der katholischen Erneuerung zu neutralisieren. Erstaunlicherweise waren es Calvinisten aus der Kurpfalz, die die Initiative zur Feier des hundertjährigen Reformationsjubiläums ergriffen. Schon bald schlossen sich die kursächsischen Lutheraner und deren Glaubensgenossen aus anderen Territorien des Alten Reichs dem Plan an, Luther besonders zu ehren. Beeindruckend war 1617 die Übereinstimmung aller Protestanten: Luthers Kampf gegen das Papsttum und seine Rolle als Gründer einer neuen Kirche wurden verklärt.

          Luther als Kämpfer gegen den Papst

          Hundert Jahre später, 1717, stilisierten die Pietisten Luther zum frommen Mann, dessen Werk sie fortzusetzen versprachen, während die Frühaufklärer Luthers Kampf gegen den mittelalterlichen Aberglauben und das Papsttum priesen. Wie groß inzwischen die Differenzen innerhalb des Protestantismus waren, lässt sich noch heute an zwei Kirchbauten erkennen, die bald nach dem Reformationsjubiläum von 1717 errichtet wurden: der prunkvoll ausgestatteten Dresdner Frauenkirche, einem Denkmal der Sinnenfreude, sowie dem schlichten Saal der Brüdergemeine in dem nicht weit von Dresden entfernten Herrnhut, der auch heute noch von einem an Askese orientierten Glaubensverständnis zeugt.

          Noch einmal hundert Jahre später waren die Differenzen zwischen den Vertretern der Spätaufklärung und jenen eines Erweckungspietismus noch deutlich sichtbar. Nach dem Sieg über Napoleon zeichnete sich nun aber unter den deutschen Protestanten doch ein Konsens über die Beurteilung der Leistung Luthers ab. Das Wartburgfest am 18. und 19. Oktober 1817 wurde als eine religiös-nationale Feier aus doppeltem Anlass inszeniert: Es galt der Erinnerung an die Völkerschlacht bei Leipzig im Jahr 1813 ebenso wie dem Beginn der Reformation im Jahre 1517. Viele Redner ließen sich von antifranzösischen Ressentiments und ihren Antipathien gegen den Geist der Französischen Revolution leiten und sahen in Luther nun einen deutschen Nationalhelden. Dass Luther gegen den Papst in Rom und dessen Auffassung des Christentums gekämpft hatte, kümmerte nur wenige.

          Weitere Themen

          Studenten verlassen Uni in Hongkong Video-Seite öffnen

          Gerüchte über Ausgangssperre : Studenten verlassen Uni in Hongkong

          Aus Angst vor weiteren Gewalttaten verließen die ersten Studierenden den Campus der Uni. Die Kurse würden nach Angaben einer Studentin größtenteils nur noch online stattfinden. Auf dem Festland sei es grade sicherer, sagt sie.

          Topmeldungen

          Kompromiss: Kramp-Karrenbauer, Merkel, Söder, Dreyer, Braun und Scholz nach der Einigung auf ein Klimapaket im September

          Zur Halbzeit : Union und SPD wollen Koalitionsvertrag erneuern

          Die Partner richten sich auf eine Fortsetzung des Bündnisses ein, sehen in ihrem Abkommen von 2018 aber keine Grundlage dafür. Deshalb wollen sie nach F.A.Z.-Informationen ein neues Programm aushandeln.
          Ort einer Tragödie: S-Bahnhof Frankenstadion in Nürnberg (Archivbild)

          Am S-Bahnsteig : Stoß mit tödlichem Ende

          Zwei Jugendliche sind in Nürnberg angeklagt, zwei Schüler ins Gleisbett geschubst zu haben. Die beiden Jungen hatten keine Chance: Den Angriff konnten sie nicht sehen – die Täter standen hinter ihnen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.