https://www.faz.net/-gpf-86z3e

Vom Flüchtling zur Betreuerin : Die zwei Leben der Reem Al-Abali

Zwei Leben: Reem Al-Abali, 26 Jahre alte Politwissenschaftlerin, betreut für die Behörden Flüchtlinge in Mecklenburg-Vorpommern - ihr eigener Werdegang hilft ihr dabei. Bild: Sascha Krautz

Als Kind war Reem Al-Abali selbst Flüchtling. Heute hilft sie anderen Asylbewerbern, indem sie ihnen von der Gegenwart erzählt – und sagen kann, was danach kommt.

          4 Min.

          Reem Al-Abali stammt aus dem Irak und kam auf der Flucht an der Seite ihrer Eltern nach Deutschland. Sie war sechs Jahre alt, als sie Horst kennenlernte, das Erstaufnahmelager für Asylbewerber von Mecklenburg-Vorpommern. Heute ist sie wieder dort, arbeitet für das Landesamt für Innere Verwaltung und betreut die Flüchtlinge. „Ich kenne die Situation der Asylbewerber, meine Familie hat es selbst erlebt“, sagt sie. Al-Abali kann von der Gegenwart berichten, von den Flüchtlingen, die derzeit nach Deutschland kommen. Ihre Biographie bietet aber auch einen Ausblick in die Zukunft, darauf, wie das Leben von jenen, die heute kommen, in einigen Jahrzehnten aussehen könnte.

          Frank Pergande

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Al-Abali ist 26 Jahre alt und studierte Politikwissenschaftlerin. Ihr Vater hatte einst bei den Peschmerga gekämpft, dem militärischen Arm der Kurden im Irak, der derzeit auch gegen den IS kämpft. 1996 reiste er mit seiner Ehefrau und Tochter nach Deutschland und stellte einen Asylantrag. Ungefähr vier Wochen lang seien sie damals in Horst gewesen, erzählt Al-Abali. Dann sei es weiter nach Waren an der Müritz gegangen - wer die Erstaufnahme verlässt, wird von den Kommunen weiter betreut. In Waren kam sie in die Schule. Zuerst half ihr dort das Russisch.

          „Es geht ihnen gut“

          Ihre Eltern hatten einst in der Sowjetunion studiert, zu Hause sprachen sie mit ihrer Tochter viel Russisch. Aber das Mädchen lernte in der Schule rasch Deutsch. „Und da habe ich dann das Russische wieder verlernt“, sagt Al-Abali. Als der Familie Asyl gewährt war, zog sie nach Schwerin. In seinem Ingenieursberuf konnte der Vater von Reem Al-Abali nicht arbeiten, weil die sowjetischen Abschlüsse nicht anerkannt wurden. Er fährt heute über Wochenmärkte in Niedersachsen und bietet griechische Spezialitäten an. Reems Mutter, ebenfalls Ingenieurin von Beruf, arbeitet in einem Schuhgeschäft in Schwerin. „Es geht ihnen gut hier in Deutschland, sie sind zufrieden.“

          Tochter Reem zog es nach Berlin zum Studium an die Freie Universität. 2013 hatte sie ihren Abschluss und ging in die Wirtschaftsförderung, zum in Berlin beheimateten Nah- und Mittelost-Verein. Dann las sie die Ausschreibung vom Schweriner Landesamt für Innere Verwaltung, das zuständig für die Erstaufnahme der Asylsuchenden im Land ist. Sie bewarb sich und wurde sofort genommen. Seit Mai arbeitet sie in zwei Büros, in Horst und in der eben eröffneten Außenstelle der Erstaufnahme in Schwerin - denn auch in Mecklenburg-Vorpommern steigen die Flüchtlingszahlen enorm an.

          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android
          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android

          Das neue Angebot für den klugen Überblick: Die wichtigsten Nachrichten und Kommentare der letzten 24 Stunden – aus der Redaktion der F.A.Z. – bereits über 100.000 mal heruntergeladen.

          Mehr erfahren

          Reem Al-Abali spricht Arabisch, Englisch und Assyrisch. Zuerst habe sie durchaus auch daran gedacht, dass sie als junge Frau Schwierigkeiten bekommen könnte mit Asylbewerbern, die solchen Umgang mit Frauen nicht gewohnt sind. „Aber die Asylbewerber hier sind froh, dass sie mit mir in ihrer Sprache sprechen können, und sie wollen ja auch Hilfe von mir“, sagt Al-Abali. Vor allem den vielen Syrern derzeit in der Erstaufnahme ist sie eine Hilfe. Etwa ein Drittel der Bewohner der Erstaufnahme kommt aus Syrien. Viele von ihnen haben schon einen sogenannten Aufenthaltstitel, können also in Deutschland bleiben und sich Wohnung und Arbeit suchen.

          Weitere Themen

          „Dieses Weihnachten wird sehr anders“ Video-Seite öffnen

          Von der Leyen : „Dieses Weihnachten wird sehr anders“

          EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen stimmt die Bürger der Gemeinschaft angesichts der Corona-Pandemie auf ein „sehr anderes Weihnachten“ ein. Europa stecke mitten in der zweiten Corona-Welle und der Ausgang der Krise hänge von jedem einzelnen ab, sagte von der Leyen.

          Topmeldungen

          Bundeskanzlerin Merkel mit Berlins Bürgermeister Müller (links) und Bayerns Ministerpräsident Söder (rechts) vor der Pressekonferenz

          Neue Corona-Regeln ab Montag : Merkel verkündet „nationale Kraftanstrengung“

          Merkel und die Ministerpräsidenten haben sich verständigt: Im November wird das Land in eine Art „Lockdown light“ versetzt. Restaurants werden geschlossen, Veranstaltungen und private Hotelübernachtungen verboten, Kontakte beschränkt. Alle stünden hinter dieser Entscheidung, sagt die Kanzlerin.
          Der F.A.Z. Wissen Podcast mit Joachim Müller-Jung und Sibylle Anderl 25:57

          F.A.Z. Wissen – der Podcast : Wo geschehen die Corona-Ansteckungen?

          Während die Infektionszahlen in die Höhe schnellen, stellt sich dringlicher denn je die Frage nach den Ansteckungswegen. Was weiß man mittlerweile darüber, wie und wo Sars-CoV-2 weitergegeben wird?
          Im Krisenmodus: Aktienhändler im Handelssaal der Frankfurter Wertpapierbörse

          Dax bricht ein : Die Angst der Anleger vor dem Worst Case

          Steigende Infektionen und das wiederholte Herunterfahren der Wirtschaft lassen die Aktienkurse einbrechen. Noch ist es weniger schlimm als im Crash-Monat März.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.