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Nach Feuer in Flüchtlingsheim : Tröglitzer demonstrieren gegen Hass und Ausgrenzung

  • Aktualisiert am

Der ehemalige Bürgermeister von Tröglitz, Markus Nierth, spricht am Samstagnachmittag auf einer Kundegebung in dem Ort Bild: dpa

Nach dem Brandanschlag auf ein geplantes Asylbewerberheim in Tröglitz haben sich mehrere hundert Menschen an einer Demonstration beteiligt. Das Feuer soll vorsätzlich gelegt worden sein. In dem Ort hatte es wochenlange Proteste gegen die Unterkunft gegeben.

          Nach dem Brandanschlag auf das geplante Flüchtlingsheim in Tröglitz haben sich am Samstag etwa 300 Menschen aus Tröglitz und Umgebung an einer spontanen Demonstration der Bürgeriniative „Miteinander – füreinander“ in dem Ort beteiligt. Zu der Aktion hatte der zurückgetretene ehrenamtliche Bürgermeister des Orts, Markus Nierth, aufgerufen. Redner aus Politik, von Vereinen und Kirchen warben für ein Zeichen gegen Hass und Ausgrenzung. Die geplante Unterkunft für Flüchtlinge war in der Nacht vorsätzlich angezündet worden, sie ist nun unbewohnbar. Im Mai sollten 40 Menschen einziehen.

          Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) sagte bei der Kundgebung auf dem Friedensplatz, man werde alles tun, um die Verbrecher hinter Gitter zu bringen. „Ich bin tief betroffen und wütend, dass dieses Verbrechen stattgefunden hat“, sagte Haseloff. „Jetzt wollen wir zeigen, dass das bürgerschaftliche Engagement steht und dass wir alles dafür tun werden, dass wir die Flüchtlinge wie geplant unterbringen können.“ Tröglitz sei ein so schöner Ort und die Heimat vieler Menschen, die nicht von Verbrechern kaputt gemacht werden könne“, sagte Haseloff unter lautem Applaus. Eine Bewohnerin sagte, sie wünsche sich, dass die Tröglitzer Lust hätten, die Asylbewerber zu integrieren und sich zu engagieren.

          Derweil sind die Ermittler zu der Erkenntnis gelangt, dass das Feuer in dem geplanten Flüchtlingsheim vorsätzlich gelegt worden ist. „Es ist definitiv besonders schwere Brandstiftung“, sagte Staatsanwalt Jörg Wilkmann am Samstag in Halle. Es handele sich um eine gemeingefährliche Straftat schlimmster Art. Nach bisherigen Erkenntnissen seien in der Nacht zu Samstag ein oder mehrere Täter in das Mehrfamilienhaus eingebrochen. Dort hätte sie nach den Worten Wilkmanns wahrscheinlich mit Brandbeschleuniger das Feuer gelegt. Der ausgebaute Dachstuhl wurde durch das Feuer zerstört. Ein mögliches Motiv wurde zunächst nicht genannt.

          Maas „fassungslos“, de Maizière empört

          Der ehemalige Bürgermeister von Tröglitz bot an, zwei private Wohnungen für Flüchtlinge zur Verfügung stellen. „Ich habe noch zwei Wohnungen, die ich bereits als Unterkünfte angeboten habe“, sagte Nierth. Er wünsche sich, dass auch andere Tröglitzer private Unterkünfte zur Verfügung stellten. „Die Braunen dürfen über unseren Ort nicht siegen“, sagte er.

          Der Brand war nach wochenlangen Protesten Rechtsextremer gegen die Aufnahme von Asylbewerbern in dem kleinen Ort ausgebrochen. Es sei nicht auszuschließen, dass es sich um eine politisch motivierte Brandstiftung handele, sagte ein Sprecher der Polizei. Das Feuer sei gegen zwei Uhr morgens ausgebrochen. Vor allem das zum Wohnbereich ausgebaute Dachgeschoss ist ausgebrannt.

          Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) betonte nach dem Brand die Offenheit Deutschlands für Flüchtlinge. Maas schrieb am Samstag im Kurzmitteilungsdienst Twitter: „Schlimmer Verdacht nach Brand in Tröglitz macht fassungslos. Wir müssen weiter deutlich machen: Flüchtlinge sind bei uns willkommen!“

          Auch Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) forderte rasche Aufklärung. „Im Moment spricht alles dafür, dass es sich bei den Ereignissen in Tröglitz um vorsätzliche Brandstiftung gehandelt hat. Wenn sich das tatsächlich bestätigen sollte, ist das eine abscheuliche Tat, die unverzüglich aufgeklärt werden muss. Die Täter gehören hinter Schloss und Riegel“, sagte de Maizière. „Menschen, die Schutz in Deutschland suchen, müssen hier friedlich und sicher leben können. Unsere Sicherheitsbehörden sind fest entschlossen, das hierfür Notwendige zu tun.“

          SPD-Chef Sigmar Gabriel erklärte: „Es ist die monatelange Stimmungsmache gegen Flüchtlinge, die den Hass säte, der in Tröglitz nun in Flammen gemündet ist.“ Der Vize-Kanzler unterstrich, Flüchtlinge gehörten zu Deutschland. Die Bundesrepublik sei ein wohlhabendes Land. Wer Schutz vor Verfolgung suche, habe Anspruch auf Hilfe. „Fremdenhass hat keinen Platz in Deutschland, das ist die Meinung der übergroßen Mehrheit in Deutschland“, betonte Gabriel.

          Schlagzeilen nach Rücktritt

          Der kleine Ort im Süden Sachsen-Anhalts war bundesweit in den Schlagzeilen, seitdem der ehrenamtliche Bürgermeister Nierth Anfang März wegen rechtsextremer Anfeindungen seinen Rücktritt erklärte. Er hatte keinen anderen Ausweg mehr gesehen, als eine asylfeindliche Demonstration direkt vor seinem Haus genehmigt wurde. Der Protest gegen die geplante Unterbringung von 40 Flüchtlingen wird von der rechtsextremen Partei NPD angeführt.

          Auch er zeigte sich am Samstagmorgen entsetzt über das Feuer. „Davon wird Tröglitz sich wohl nie erholen“, sagte er dem „Tagesspiegel“. „Ich bin fassungslos, traurig und wütend zugleich. Da ist die braune Saat so weit aufgegangen, dass man nun lieber Häuser niederbrennt, in denen Familien eine neue Bleibe finden sollten.“

          In dem Haus, in das die Flüchtlinge einziehen sollten, hätten zuletzt zwei Menschen gelebt, hieß es bei der Polizei. Wer sie sind, war zunächst unklar. Eine Nachbarin habe beide rechtzeitig gewarnt, sie konnten sich unverletzt ins Freie retten.

          Erst am Dienstagabend hatte Landrat Götz Ulrich (CDU) auf einer Einwohnerversammlung in Tröglitz über die Pläne zur Asylbewerberunterkunft informiert. Gut 500 Leute hatten sich im örtlichen Kulturzentrum eingefunden, unter ihnen auch Nierth. Ulrich musste Dutzende Fragen beantworten und gestand auch Fehler ein. „Ich schließe nicht aus, dass ich und einige andere Verantwortliche im Vorfeld nicht ausreichend den Bewohnern zugehört haben“, sagte der CDU-Politiker. Er habe aus dem Fall Tröglitz gelernt.

          Dachstuhl ausgebrannt: Die geplante Asylbewerberunterkunft am Samstag in Tröglitz Bilderstrecke

          Aus Wismar in Mecklenburg-Vorpommern wurde unterdessen bekannt, dass dort am Freitagabend zwei Asylbewerber aus offenbar ausländerfeindlichen Motiven attackiert worden sind. Wie das Polizeipräsidium in Rostock mitteilte, handelte es sich bei den Angegriffenen um zwei  Ägypter im Alter von 21 und 34 Jahren. Sie hätten unverletzt in ihre Asylbewerberunterkunft flüchten können. Die Angreifer seien acht bislang unbekannte Männer. Sie hätten ausländerfeindliche Parolen gerufen, während sie die Asylbewerber bedrängten.

          Die Kette derartiger Straftaten wird damit wieder länger. Im vergangenen Dezember waren im mittelfränkischen Vorra ein umgebauter Gasthof samt Scheune sowie ein frisch renoviertes Wohnhaus angezündet worden. Auf ein Nebengebäude sprühen die Täter eine Neonazi-Parole und zwei Hakenkreuze. Ursprünglich hatten im Januar rund 70 Flüchtlinge dort einziehen sollen. Nun werden die Unterkünfte saniert. Der oder die Täter sind noch nicht gefunden. Für die Aufklärung der Tat wurden 2000 Euro Belohnung ausgesetzt.

          In Escheburg bei Lübeck brach am 9. Februar ein Feuer in einer Unterkunft aus, in die am nächsten Tag irakische Flüchtlinge hatten einziehen sollen. Später gesteht ein Nachbar, durch ein beschädigtes Fenster Pinselreiniger in das Gebäude geschüttet und die Flüssigkeit angezündet zu haben. Er wollte verhindern, dass dort Flüchtlinge unterkommen.

          In den frühen 1990er Jahren hatten mehrere fremdenfeindliche Brandanschläge in Deutschland weltweit für Entsetzen gesorgt. In Mölln und Solingen zündeten Rechtsextremisten zwei von Türken bewohnte Häuser an; insgesamt acht Bewohner kamen in den Flammen um. Schwere Attacken gab es auch in Rostock, Hünxe am Niederrhein und im sächsischen Hoyerswerda.

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