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Nach Feuer in Flüchtlingsheim : Tröglitzer demonstrieren gegen Hass und Ausgrenzung

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SPD-Chef Sigmar Gabriel erklärte: „Es ist die monatelange Stimmungsmache gegen Flüchtlinge, die den Hass säte, der in Tröglitz nun in Flammen gemündet ist.“ Der Vize-Kanzler unterstrich, Flüchtlinge gehörten zu Deutschland. Die Bundesrepublik sei ein wohlhabendes Land. Wer Schutz vor Verfolgung suche, habe Anspruch auf Hilfe. „Fremdenhass hat keinen Platz in Deutschland, das ist die Meinung der übergroßen Mehrheit in Deutschland“, betonte Gabriel.

Schlagzeilen nach Rücktritt

Der kleine Ort im Süden Sachsen-Anhalts war bundesweit in den Schlagzeilen, seitdem der ehrenamtliche Bürgermeister Nierth Anfang März wegen rechtsextremer Anfeindungen seinen Rücktritt erklärte. Er hatte keinen anderen Ausweg mehr gesehen, als eine asylfeindliche Demonstration direkt vor seinem Haus genehmigt wurde. Der Protest gegen die geplante Unterbringung von 40 Flüchtlingen wird von der rechtsextremen Partei NPD angeführt.

Auch er zeigte sich am Samstagmorgen entsetzt über das Feuer. „Davon wird Tröglitz sich wohl nie erholen“, sagte er dem „Tagesspiegel“. „Ich bin fassungslos, traurig und wütend zugleich. Da ist die braune Saat so weit aufgegangen, dass man nun lieber Häuser niederbrennt, in denen Familien eine neue Bleibe finden sollten.“

In dem Haus, in das die Flüchtlinge einziehen sollten, hätten zuletzt zwei Menschen gelebt, hieß es bei der Polizei. Wer sie sind, war zunächst unklar. Eine Nachbarin habe beide rechtzeitig gewarnt, sie konnten sich unverletzt ins Freie retten.

Erst am Dienstagabend hatte Landrat Götz Ulrich (CDU) auf einer Einwohnerversammlung in Tröglitz über die Pläne zur Asylbewerberunterkunft informiert. Gut 500 Leute hatten sich im örtlichen Kulturzentrum eingefunden, unter ihnen auch Nierth. Ulrich musste Dutzende Fragen beantworten und gestand auch Fehler ein. „Ich schließe nicht aus, dass ich und einige andere Verantwortliche im Vorfeld nicht ausreichend den Bewohnern zugehört haben“, sagte der CDU-Politiker. Er habe aus dem Fall Tröglitz gelernt.

Dachstuhl ausgebrannt: Die geplante Asylbewerberunterkunft am Samstag in Tröglitz Bilderstrecke

Aus Wismar in Mecklenburg-Vorpommern wurde unterdessen bekannt, dass dort am Freitagabend zwei Asylbewerber aus offenbar ausländerfeindlichen Motiven attackiert worden sind. Wie das Polizeipräsidium in Rostock mitteilte, handelte es sich bei den Angegriffenen um zwei  Ägypter im Alter von 21 und 34 Jahren. Sie hätten unverletzt in ihre Asylbewerberunterkunft flüchten können. Die Angreifer seien acht bislang unbekannte Männer. Sie hätten ausländerfeindliche Parolen gerufen, während sie die Asylbewerber bedrängten.

Die Kette derartiger Straftaten wird damit wieder länger. Im vergangenen Dezember waren im mittelfränkischen Vorra ein umgebauter Gasthof samt Scheune sowie ein frisch renoviertes Wohnhaus angezündet worden. Auf ein Nebengebäude sprühen die Täter eine Neonazi-Parole und zwei Hakenkreuze. Ursprünglich hatten im Januar rund 70 Flüchtlinge dort einziehen sollen. Nun werden die Unterkünfte saniert. Der oder die Täter sind noch nicht gefunden. Für die Aufklärung der Tat wurden 2000 Euro Belohnung ausgesetzt.

In Escheburg bei Lübeck brach am 9. Februar ein Feuer in einer Unterkunft aus, in die am nächsten Tag irakische Flüchtlinge hatten einziehen sollen. Später gesteht ein Nachbar, durch ein beschädigtes Fenster Pinselreiniger in das Gebäude geschüttet und die Flüssigkeit angezündet zu haben. Er wollte verhindern, dass dort Flüchtlinge unterkommen.

In den frühen 1990er Jahren hatten mehrere fremdenfeindliche Brandanschläge in Deutschland weltweit für Entsetzen gesorgt. In Mölln und Solingen zündeten Rechtsextremisten zwei von Türken bewohnte Häuser an; insgesamt acht Bewohner kamen in den Flammen um. Schwere Attacken gab es auch in Rostock, Hünxe am Niederrhein und im sächsischen Hoyerswerda.

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