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Der Fall Tröglitz : Ronny und seine Angst

Ausländeranteil von 0,51 Prozent: Landrat Götz Ulrich versucht am Dienstagabend, die Bürger von Tröglitz zu beruhigen. Bild: dpa

Weil Rechtsextreme vor seinem Wohnhaus demonstrieren wollten, trat der Bürgermeister von Tröglitz zurück. Im Ort jedoch fürchtet man sich eher vor Ausländern – sehr zur Freude der NPD.

          Der erste Tröglitzer, der sich bei der Einwohnerversammlung zu Wort meldet, heißt Ronny und steht am Mikrofon oben auf der Galerie. „Warum geben wir für die Asylanten so viel Geld aus, obwohl wir es selber nicht haben. Was soll denn die Scheiße!?“ Landrat Götz Ulrich steht vorne im proppenvollen Saal und würde gerne antworten, doch die Akustik bereitet ihm Probleme: „Ich habe nur ‚Scheiße‘ verstanden.“

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Der junge Mann auf der Galerie unternimmt einen zweiten Anlauf. „Die Asylanten kriegen von A bis Z alles hingestellt – jeden Scheiß. Jeden Scheiß! Die kriegen Kohle ohne Ende. Und wir müssen betteln gehen!“ Dieses Mal hat der Landrat des Burgenlandkreises verstanden.

          Mit unerschütterlicher Sachlichkeit versucht der CDU-Politiker, aus Ronnys Meinungsbeitrag die Sachfragen herauszuschälen. Wie viel Geld wird für Flüchtlinge ausgegeben? 6,1 Millionen Euro sind es im Landkreis. Landrat Ulrich nennt zum Vergleich die Ausgaben für Soziales. Es sind 273 Millionen Euro. Auch in Bezug auf die Aussage, Asylbewerber bekämen „Kohle ohne Ende“, hat Ulrich die Zahlen parat. Ein Asylbewerber erhält 337 Euro im Monat. Der Langzeitarbeitslose 399 Euro. Doch der Versuch des Landrats, der Empörung mit Zahlen zu begegnen, bleibt erfolglos. „Das ist eigentlich nur Müll, der hier geredet wird“, sagt Ronny oben auf der Galerie. „Die Leute hier leben unter der Brücke und kriegen nichts. Obwohl sie Deutsche sind! Was soll die Scheiße!?“

          Bürgermeister Nierth bleibt still

          In der vierten Reihe links sitzt derweil Markus Nierth neben seiner Frau und hört zu. Er wird über die gesamte Veranstaltung hinweg nichts sagen, obwohl die Kameras der Fernsehsender immer wieder auf ihn gerichtet werden. Bis Anfang März war Nierth ehrenamtlicher Bürgermeister in Tröglitz. Nierth, der als freier Trauerredner sein Geld verdient, aber auch ehrenamtlicher Pfarrer ist, hatte versucht, den Ort mit seinen 2700 Einwohnern auf die geplante Aufnahme von 40 Flüchtlingen vorzubereiten. Nicht bei jedem stieß er damit auf Verständnis. Mit sogenannten Abendspaziergänge wurde gegen die Unterbringung protestiert.

          Als der erste dieser „Abendspaziergänge“ vor dem Wohnhaus der Nierths enden sollte, schmiss der Bürgermeister hin. Er wolle nicht, dass seine sieben Kinder, wenn sie aus dem Fenster guckten, skandierende Neonazis und Polizisten in schwerer Montur zu sehen bekämen, begründete Nierth seinen Rücktritt. Der Bürgermeister fühlte sich aber vor allem im Stich gelassen – vom Landkreis mit Ulrich an der Spitze, vom Land Sachsen-Anhalt, aber auch von vielen Bürgern in Tröglitz, die stumm blieben.

          Mit dem Rücktritt geriet Tröglitz in das Scheinwerferlicht der Nation. Landrat Ulrich kam in der Berichterstattung nicht gut weg. Auch unter den etwa 400 Tröglitzern, die sich am Dienstagabend in dem früheren Kasino des Chemiewerks treffen, vertreten viele die Auffassung, der Landrat hätte früher den Dialog suchen sollen. „Zu spät“, rufen sie, als er sie begrüßt. „Vielleicht habe ich einen Fehler gemacht“, sagt Ulrich. Im Prinzip hält er sein Vorgehen aber nach wie für das einer repräsentativen Demokratie angemessene.

          „Die Entscheidung über die Unterbringung wird von denjenigen getroffen, die durch demokratische Wahlen dazu legitimiert sind“, sagt er. Den Bürgern in den einzelnen Ortschaften könne man die Entscheidung über die Unterbringung von Asylbewerbern sicherlich nicht überlassen. Sie würden das Ansinnen rundheraus ablehnen. Der Landkreis wäre so gar nicht in der Lage, die ihm zugewiesenen Flüchtlinge unterzubringen. Eine Einwohnerversammlung in Tröglitz hätte vor dem Kreistagsbeschluss zur Unterbringung am 9. März auch wenig Sinn gemacht. Und wenn Bürger mit der Entscheidung des Landkreises unzufrieden seien, stehe es ihnen frei, bei den nächsten Wahlen ihre Stimmen anderen Politikern zu geben.

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