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Der Fall Tröglitz : Ronny und seine Angst

Erklärt sich: Landrat Götz Ulrich spricht auf der Bürgerversammlung in Tröglitz.

Genau davon würde dann gerne der Herr mit der Schiebermütze profitieren, auf dessen grauen Kapuzenshirt in kräftigem Gelb das Ortsschild von Tröglitz abgebildet ist. Steffen Thiel sitzt für die NPD im Kreistag. Thiel hatte die „Abendspaziergänge“ durch Tröglitz mitorganisiert und dafür Rechtsextremisten aus der Region eingeladen. Nun steht er nahe des Ausgangs hinter dem Publikum. Thiel ist heute der heimliche Gegenspieler des Landrats, und man weiß nicht genau, wie viele Leute in den Sitzreihen er als Figuren in diesem Spiel führt. Gehörte auch Ronny zu ihnen? Und wie steht es um den Franzosen mit dem artistisch um den Hals gewundenen Schal, der ein „Ich bin in Tröglitz verliebt“ ins Mikrofon sagt, beim Herausgehen aber dem NPD-Mann Thiel vertraut die Hand geben wird?

Dem Publikum erzählt der junge Mann jedenfalls von seiner französischen Heimatstadt, wo immer mehr Marokkaner zugezogen seien, bis kein Franzose mehr dort habe leben wollen. „Die beten sechs Mal am Tag, legen ihre Tücher auf den Platz. Da kann kein Mensch was sagen, sonst ist Krieg angesagt.“ Das sei genauso Ausübung der Religionsfreiheit wie nicht zu glauben oder an unseren christlichen Gott zu glauben“, sagt der Landrat. „Es gibt Städte mit so vielen Ausländern, in denen sich Einheimische nicht mehr wohl fühlen. Aber da sind wir im Burgenlandkreis weit von entfernt.“

Ulrich kennt auch dazu die Zahlen. Der Anteil von Kontingentflüchtlingen, Asylbewerbern und Geduldeten liege im Burgenlandkreis bei 0,49 Prozent. In der Gemeinde Elsteraue, zu der auch Tröglitz gehört, liege er bisher bei null Prozent. Der Ausländeranteil liege dort insgesamt bei 0,51 Prozent, sagt Ulrich. „Es sind 47.“

Wo die NDP aktiv ist: Das gelbe Ortsschild der Gemeinde Tröglitz, das ein Rechtsextremer sogar Aufdruck auf seinem T-Shirt trägt.

Keiner der Tröglitzer wird an diesem Abend öffentlich die Frage stellen, warum es ausgerechnet in ihrem Ort zu so großer Aufregung kam. Manche Beobachter suchen die Antwort in der Geschichte des Ortes, der eigentlich gar kein richtiger Ort ist. Zusammengewürfelt aus mehreren Teilen, bezeichnet der Name Tröglitz die Summe jener Wohnsiedlungen, die seit den dreißiger Jahren um das Chemiewerk entstanden ist. Zu DDR-Zeiten waren dort mehr als 4000 Personen beschäftigt. Von den Arbeitsplätzen ist aber nur ein Bruchteil erhalten geblieben. „Viele Menschen hier haben in ihrem Leben für die DDR einen Preis zahlen müssen, der viel höher ist als anderswo“, sagt ein angereister Funktionär.

Stummheit der Bürger als Folge der DDR-Diktatur

Ein Lebensgefühl voll Zorn und Verbitterung wird in der Veranstaltung vor allem in dem hinteren Teil des Saales spürbar. Von dort kommen die meisten Zwischenrufe und die kritischsten Fragen. Zu Beginn der Veranstaltung saß auch der NPD-Mann Thiel mit einigen seiner Mitstreiter dort. Es sind vor allem Männer, die gemeinsam mit Thiel aufbegehren. „Alkis und Hartzis“ nennt sie der Funktionär flapsig. Vor allem macht ihnen zu schaffen, dass Flüchtlinge in die Region kommen, obwohl es im Dreieck von Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt eine verfestigte Langzeitarbeitslosigkeit gibt. Auch hierzu hat Landrat Ulrich die Zahlen parat: Es gibt 8,1 Prozent Langzeitarbeitslose. Zugleich wisse er aber auch von einem Dutzend Betrieben, die selbst für einfache Anlerntätigkeiten händeringend nach Leuten suchten.

Nach zwei Stunden ist die Veranstaltung zu Ende. Friedlich ziehen die Tröglitzer wieder nach Hause. Der zurückgetretene Bürgermeister Nierth steht noch eine Weile im Vorraum. Viele von denen, die drinnen gegen die Flüchtlinge gestänkert hätten, seien selbst angewiesen „auf die soziale Gnade des Staates“, sagt Nierth. Und im Burgenlandkreis komme eben noch hinzu, dass die NPD gut genug organisiert ist, um vom Frust der Bewohner zur profitieren. Wer Tröglitz verstehen wolle, „muss hier die Strukturen im Kleinen erkennen“, sagt Nierth. Dass so viele Bürger in dem Konflikt stumm blieben, sieht Nierth auch als Erbe der DDR, die eine „Redekultur“ systematisch unterdrückt habe.

Landrat Götz Ulrich steht derweil vorne im leeren Saal und packt seine Sachen. Er blickt mit Sorge auf den weiteren Anstieg der Flüchtlingszahlen. 2013 kamen 284 Flüchtlinge in den Burgenlandkreis. 2014 waren es bereits 606, für 2015 plane man mit 650, sagt Ulrich. „Locker geht hier gar nichts mehr“, sagt Ulrich. „Länger als zwei Jahre mit diesen Zahlen – dann wird es schwierig.“

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