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Thüringer Terrorzelle : Neonazis stellten antisemitisches Monopoly-Spiel her

  • Aktualisiert am

„Pogromly“ - eine rechtsextremistische Variante von Monopoly Bild: Landesamt für Verfassungsschutz

Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Z. hatten das Spiel entworfen. Die drei rechtsextremistischen Terroristen sollten durch den Verkauf von „Pogromly“ in der Neonazi-Szene ihren Lebensunterhalt finanzieren.

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          Die Mitglieder der rechtsterroristischen Zelle „Nationalsozialistischer Untergrund“ haben vor ihrem Abtauchen ein antisemitisches Monopoly-Spiel („Pogromly“) herstellen lassen, das in der Neonazi-Szene verkauft worden ist. Das Spiel wurde, wie der thüringische Verfassungsschutz der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (F.A.S.) bestätigte, 1997 von Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Z. entworfen und in mehreren Dutzend Exemplaren hergestellt. Auf dem Spielfeld sind nationalsozialistische Symbole, etwa ein Hakenkreuz als Startfeld abgebildet, zudem SS- und SA-Felder, ein Hitler-Porträt sowie vier Konzentrationslager.

          Bei der Durchsuchung von Garagen in Jena, die von Beate Zschäpe angemietet worden waren, hatte die Polizei Ende Januar 1998 neben vier Rohrbomben mehrere Exemplare des Spiels sichergestellt. Nach dem Abtauchen der drei Rechtsterroristen wurde es in der Neonazi-Szene für 100 D-Mark verkauft. Ein Teil des Erlöses, sollte angeblich dem Lebensunterhalt der Untergetauchten dienen. Im Verfassungsschutz wird André K. für den Verkäufer des Spiels gehalten. K. war einer der engsten Vertrauten des Trios aus der Kameradschaft Jena. Er soll die Einnahmen aus dem Verkauf zweckentfremdet haben. Die untergetauchten Terroristen sollen sich in Telefonaten mit Unterstützern darüber beschwert haben, dass sie kein Geld erhielten

          Der am 4. November durch Selbsttötung verstorbene Mundlos hat vom 1. April 1994 bis zum 31. Mai 1995 seinen Grundwehrdienst in der Bundeswehr geleistet. Das hat Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) bestätigt. Nach Informationen der F.A.S. tat er das im sächsischen Frankenberg im 6. Panzergrenadierbataillon 381. Ob er damals schon als Rechtsextremist auffiel, ist nicht bekannt.

          De Maizière nahrm den Militärischen Abschirmdienst (MAD) gegen den Vorwurf in Schutz, Erkenntnisse über den Aufenthalt des rechtsextremistischen Terror-Trios nicht weitergeleitet zu haben: „Der MAD hatte keinen direkten Kontakt zu den dreien. Ein V-Mann des MAD hat berichtet, wo die Untergetauchten sich angeblich aufhalten.“

          De Maizière fügte hinzu: „Diese Information ist den zuständigen Verfassungsschutzbehörden übermittelt worden. Sie ist mitnichten beim MAD liegengeblieben.“ Der MAD habe grundsätzlich auch die Aufgabe, die Bundeswehr vor Extremisten zu bewahren: „Was den erwähnten Vorgang angeht, so sind die meisten Unterlagen aufgrund gesetzlicher Fristen gelöscht worden.“

          Der Thüringer Verfassungsschutz bestätigte am Samstag, dass es seinerzeit Kontakte mit den Eltern von Mundlos gegeben habe, um die Untergetauchten dazu zu bewegen, sich selbst zu stellen. Doch hätten die Eltern eine Überreaktion der Polizei befürchtet. Damals habe die Behörde vorgeschlagen, dass der Kontakt auch über einen Anwalt hergestellt werden könnte. Dazu sei es aber nicht gekommen. Nach Angaben des „Focus“ soll der Verfassungsschutz in Erfurt dem Trio zugesichert haben, dass es nicht wegen Bildung einer terroristischen Vereinigung, sondern wegen Sprengstoffbesitzes angeklagt werde

          Unterdessen teilte die Bundesanwaltschaft mit, sie untersuche, ob es einen Zusammenhang zwischen einer Serie von Brandstiftungen im saarländischen Völklingen und der Terrorzelle gebe. Wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung zuvor berichtet hatte, erhielt ein türkisch-islamischer Moscheeverein in Völklingen die zwölfte Bezichtigungs-DVD, die Beate Z. nach dem Tod ihrer Komplizen verschickt hatte. Das könnte ein Indiz dafür sein, dass es eine Verbindung der Terrorzelle zu zehn Brandstiftungen gegen Wohnhäuser gibt, in denen vorwiegend türkischstämmige Einwanderer lebten. Die saarländische Landesregierung will sich am Montag zu den Ermittlungen äußern.

          De Maizière rät zu „kühlem Kopf“ bei NPD-Verbot

          De Maizière rät zu Bedachtsamkeit in der Diskussion über ein NPD-Verbot. Der CDU-Politiker sagte der F.A.S.: „Die Sache darf nicht mit heißem Herzen, sondern sie muss mit kühlem Kopf entschieden werden.“ Er riet zu eng abgestimmtem Vorgehen: „Wenn ein NPD-Verbot angestrengt wird, dann sollten Bundesregierung, Bundestag und Bundesrat das gemeinsam mit einer einheitlichen Begründung tun.“

          Die Rechtsextremisten, die aus Thüringen stammen und sich lange Zeit in Sachsen aufhielten, lebten in der Illegalität, als de Maizière in Sachsen zunächst Justiz- und später Innenminister war. De Maizière sagte der F.A.S.: „Der Fall war mir vollständig unbekannt. Es mag Kontakte zwischen Thüringen und Sachsen gegeben haben, als Minister hat mich das aber nicht erreicht.“

          Auf die Frage an den ehemaligen Bundesinnenminister, ob die Behörden die Gefahr des Rechtsextremismus unterschätzt hätten, antwortete de Maizière: „Die Existenz eines Rechtsterrorismus war unvorstellbar. Doch ebenso richtig ist: Die Bedeutung des Rechtsextremismus wurde nicht unterschätzt.“

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