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Studie zum Rechtsextremismus : Große Mehrheit der Deutschen lehnt Asylbewerber ab

  • -Aktualisiert am

Dokumentierter Patriotismus während Fußball-Titelkämpfen: Gleichzeitig gibt es unter den Deutschen nur wenig Zustimmung für rechtsextreme Ansichten - auch dank einer stabilen wirtschaftlichen Lage Bild: Schmitt, Felix

Eine Studie der Universität Leipzig zeigt einen starken Rückgang rechtsextremer Einstellungen in Deutschland. Trotzdem ist noch immer jeder fünfte Deutsche ausländerfeindlich.

          Der Anteil der Deutschen, die ein rechtsextremes Weltbild haben, ist laut einer Studie der Universität Leipzig deutlich zurückgegangen. Zwischen 2002 und 2014 sank die Zahl der Rechtsextremen um knapp zehn auf 5,6 Prozent. Die Tendenz sei in allen untersuchten Dimensionen feststellbar, schreiben die Wissenschaftler, die in einer Langzeitstudie mit dem Titel „Die stabilisierte Mitte“ seit 2002 die politischen Einstellungen der Deutschen erforschen.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Den Ergebnissen zufolge befürworten immer weniger Deutsche eine Diktatur sowie Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus, Sozialdarwinismus, Chauvinismus und die Verharmlosung des Nationalsozialismus. Die Bundesrepublik befinde sich in einer Insellage, die wirtschaftliche Lage sei so gut wie seit Jahren nicht, so Oliver Decker von der Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie, der die Studie herausgibt. „Wir wissen schon seit Jahren um den engen Zusammenhang von Wirtschaft und politischer Einstellung.“ Zudem sei der Kontrast zu allen anderen europäischen Ländern sehr groß. Das stabilisiere die Mitte der Gesellschaft.

          Großer Anteil Unentschiedener

          Der Befund enthält jedoch zugleich einen Hinweis auf instabile Einstellungen. Zwischen zwölf und 31 Prozent der Befragten lehnten demnach die erwähnten Dimensionen nicht rundheraus ab, sondern stimmten ihnen teils zu. Der Anteil Unentschiedener lasse darauf schließen, dass diese Menschen bei einer Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage rechtsextremen Ansichten abermals vollständig zustimmen könnten, erklärte der Soziologe Elmar Brähler.

          Ohnehin gaben sich ein Fünftel der Deutschen als ausländerfeindlich zu erkennen. Besonders auffallend ist die Abwertung von Asylbewerbern, die von 85 Prozent der Ostdeutschen und 74 Prozent der Westdeutschen stigmatisiert werden. Große Ressentiments gibt es besonders gegenüber Muslimen sowie Sinti und Roma, die von rund der Hälfte der Deutschen und damit deutlich mehr als andere Migranten abgelehnt werden. 55 Prozent hätten ein Problem damit, wenn sich Sinti und Roma in ihrer Gegend aufhielten, 47 Prozent wollten sie aus den Stadtzentren verbannen und 56 Prozent meinen, Sinti und Roma neigten zur Kriminalität.

          Rechtsextremismus bei Wählern aller Parteien

          Die Deutschen seien nach wie vor sehr empfänglich für eine Ideologie der Ungleichwertigkeit, sagt Studienleiter Decker. Zwar setze sich bei immer mehr Deutschen auch die Ansicht durch, dass Zuwanderer dem Land etwas bringen. „Diejenigen jedoch, die die Phantasie auslösen, sie seien grundlegend anders oder hätten ein gutes Leben ohne Arbeit, ziehen die Wut auf sich.“

          Für ihre Untersuchung befragte die Arbeitsgruppe 1929 Personen im Westen und 503 im Osten Deutschlands im Alter zwischen 14 und 90 Jahren. Wie in den Vorjahren wiesen sie auch diesmal rechtsextreme Positionen bei Wählern aller Parteien nach, darunter auch bei CDU, SPD und der Linken. Am geringsten war ihr Anteil bei Grünen und Piraten, am größten freilich bei Wählern von NPD und AfD.

          „Es fällt auf, dass die stärkste Anziehungskraft bei den Wählern mit einer ausländerfeindlichen, antisemitischen und chauvinistischen Einstellung neben den rechtsextremen Parteien die AfD hat“, sagt Sozialwissenschaftler Johannes Kies. Den nach wie vor wirksamsten Schutz gegen rechtsradikale Ansichten bietet offenbar die Bildung: So sind laut der Untersuchung mehr als 20 Prozent der Deutschen ohne Abitur ausländerfeindlich eingestellt, drei Mal soviel wie bei Menschen mit Abitur.

          Weniger Migranten, geringere Diskriminierung

          Nach wie vor deutliche Unterschiede gibt es auch zwischen den Deutschen in Ost und West. So seien Ausländerfeindlichkeit und Chauvinismus im Osten Deutschlands noch immer häufiger zu finden. Knapp zwölf Prozent der Ostdeutschen befürworten eine Diktatur, doppelt so viele wie im Westen. Knapp 30 Prozent der Ostdeutschen sind gar der Meinung, dass es oberstes Ziel der Politik sein sollte, Deutschland wieder mehr Macht und Geltung in der Welt zu verschaffen. 20 Prozent der Westdeutschen sind ebenfalls dieser Ansicht.

          Zudem meinen 31,5 Prozent der Ostdeutschen, dass die Bundesrepublik durch zu viele Ausländer überfremdet sei  –26,5 Prozent der Westdeutschen teilen diese Ansicht. Dabei ist der Ausländeranteil im Osten verschwindend gering. „Wo weniger Migranten leben, ist die Diskriminierung von ‚Ausländern’ stärker verbreitet“, sagt Elmar Brähler. „Der Kontakt verhindert Vorurteile, darum wissen wir seit Jahren.“

          Konträr sind die Befunde dagegen beim Thema Antisemitismus, der im Westen verbreiteter ist. So sind zwölf Prozent der Westdeutschen gegenüber zehn Prozent der Ostdeutschen der Meinung, dass „Juden auch heute noch zu großen Einfluss“ haben.

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