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Rechtsterrorismus : Durch das Land führt eine blutige Spur

Auch in der wöchentlichen Besprechung der Sicherheitsdienste im Bundeskanzleramt ist die unheimliche Mordserie immer wieder Thema. Das BKA dringt darauf, selbst die Ermittlungen zu übernehmen. Doch die Länder sperren sich. Das Bundesinnenministerium, so wird in Sicherheitskreisen berichtet, habe dann entschieden, dass man den Länder ihren Willen lassen solle.

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Aus dem Hinterhalt

Drei weitere Morde geschehen, der letzte am 6. April 2006 in Kassel. Dort wird der 21 Jahre alte Türke Halit Y. mit zwei Kopfschüssen ermordet. Ein Mitarbeiter des hessischen Verfassungsschutzes ist in einem Hinterraum zur Tatzeit anwesend. Er macht sich verdächtig, weil er der einzige Zeuge ist, der sich auf einen Aufruf hin nicht meldet. Über eine Festplatte kommen die Ermittler dem Beamten des gehobenen Dienstes auf die Spur.

Er sagt, dass er im Internet Sexkontakte gesucht habe, seine Frau ist zu dieser Zeit schwanger. Man findet in seinem Haus ein Buch über Serienmorde, Auszüge aus „Mein Kampf“, mehrere legal angemeldete Waffen und illegale Munition. Die Ermittlungen gegen ihn werden eingestellt. Kein Umstand habe sich als belastend gegen ihn erwiesen.

Am 27. April töten Böhnhardt und Mundlos in Heilbronn die Polizistin Michèle Kiesewetter und verletzen ihren Kollegen schwer. Sie schleichen sich von hinten an den Streifenwagen, der am Rand einer Festwiese steht, und schießen auf die Beamten, die gerade Pause machen. Es ist ein untypischer, weil offenbar nicht geplanter Mord. Und es sind diesmal andere Waffen im Spiel.

Denn die anderen Morde sind, auch wenn die Opfer wahllos ausgesucht scheinen, mit aufwendiger Planung verbunden gewesen. Jedes Mal kannten die Täter offenbar die Gegend, schlugen erst zu, wenn nur eine Person im Laden oder Kiosk war. Das wird kaum möglich gewesen sein ohne Helfer. Die Reaktionen auf ihre Morde haben die Täter in zahlreichen Ordnern gesammelt, die nun im Schutt des Hauses in Zwickau gefunden wurden, das Beate Zschäpe in die Luft gejagt hat. Umfangreiche Listen aus dem Jahr 2005, auf denen auch die Namen von Organisationen und Politikern stehen, deuten daraufhin, dass sie weitere Anschläge planten.

Am 4. November 2011 kam das grausame Spiel zu seinem Ende. Als die Polizei nach einem Banküberfall in Eisenach das Wohnmobil umstellt hatte, erschossen sich Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos. Beate Zschäpe stellte sich drei Tage später der Polizei. Die DVD mit Paulchen Panther, die zum Testament des Trios wurde, hätte dazu dienen können, an die Öffentlichkeit zu gehen. Ein Neonazi-Pärchen aus Johanngeorgenstadt soll bei der Erstellung geholfen haben, weitere Unterstützer sollen aus der kleinen Stadt an der tschechischen Grenze kommen.

Ein paar Zufälle zu viel

Im vergangenen Jahr hat eine rechtsextreme Rockband in dem Lied „Döner-Killer“ die Morde als rechtsextremistische Tat beschrieben. Verfassungsschützer hielten das für Maulheldentum. Peter Klose, eine ehemaliger Landtagsabgeordneter der NPD in Zwickau, hatte bis vor kurzem einen Facebook-Account unter dem Namen „Paul Panther“ samt rosafarbener Zeichentrickfigur. Das sei „reiner Zufall“, sagt Klose, der für seine engen Beziehungen zu rechtsextremistischen Kameradschaften bekannt ist. Es könnten ein paar Zufälle zu viel sein. „Die Täter waren abgedeckt durch ein Umfeld, so wie wir es bisher nicht gehabt haben“, sagt BKA-Chef Ziercke.

Zwölf Jahre lang hat das Trio geraubt und gemordet. Niemand kam ihnen, die sich „Nationalsozialistischer Untergrund“ nannten, auf die Schliche. Sie planten ihre Taten im Geheimen. Die ersten Umrisse ihres Umfeldes werden erst langsam erkennbar, klar ist aber: eine isolierte Terrorzelle waren sie nicht. Viel deutlicher zu sehen ist schon jetzt das Versagen der Sicherheitsbehörden. Sein Ausmaß lässt selbst Ermittler fassungslos zurück. nach Eisena

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