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Rechtsterrorismus : Durch das Land führt eine blutige Spur

Flucht ins Ausland nicht nötig - Sachsen reicht

Auch Holger G. gehört dazu, ein Freund aus Kindertagen. Er ist 1997 nach Niedersachsen gezogen. Dem Verfassungsschutz dort fällt er im Sommer 1999 bei der Hochzeit des bekannten Neonazis Thorsten Heise auf. Just zu dieser Zeit bittet der Thüringer Verfassungsschutz die Kollegen in Niedersachsen, G. zu observieren. Man verdächtige ihn, schreiben die Thüringer, dass er ein Quartier für die gesuchten „Rechtsterroristen“ finden wolle, damit diese ins Ausland fliehen könnten. Doch die Niedersachsen informieren nicht etwa die Polizei, erwirken keine Abhörerlaubnis. Sie beobachten G. drei Tage und schreiben einen Bericht. G. wird als „Mitläufer“ gewertet, den man mal auf einer NPD-Demo und einem Skinhead-Konzert gesehen hat. Später wird sein Name in der Datei in Hannover gelöscht. Holger G. ist mittlerweile verhaftet. Er hat dem Mörder-Trio Ausweispapiere, einen Führerschein und einen Reisepass, überlassen, hat Wohnmobile für sie gemietet.

Das abgetauchte Trio setzt sich nicht ins Ausland ab. Sachsen reicht vollkommen. Zwickau ist gut 80 Kilometer von Jena entfernt, weniger als eine Autostunde. Zunächst halten sie sich im Raum Chemnitz auf. Am 6. Oktober 1999 überfallen sie dort ein Postamt, erbeuten mehrere tausend Mark. Drei Wochen später sind es mehrere zehntausend in einer anderen Postfiliale - bis 2006 werden fünf Sparkassen in Chemnitz und zwei in Zwickau überfallen. Als sie im Oktober 2006 einen Sparkassen-Lehrling in Zwickau in den Bauch schießen, verlegen sich die Täter auf die Stadt Stralsund. Ende 2006 und Anfang 2007 schlagen sie dort zweimal in der gleichen Sparkasse zu. Insgesamt erbeuten sie bei ihren Überfällen rund 400.000 Euro. Sie leben bescheiden weiter. In Zwickau hat Beate Zschäpe, die sich Susann Dienelt nennt, schon seit 1999 eine Wohnung, ein Bekannter aus Johanngeorgenstadt im Erzgebirge, Matthias D., hat sie gemietet, ebenso wie die spätere Wohnung in der Frühlingsstraße 26, die nun in Trümmern liegt.

„Man hätte das anders entscheiden können“

Der Fall des untergetauchten Neonazi-Trios gerät in Vergessenheit. Im September 2003 entscheidet die Staatsanwaltschaft Gera, dass er verjährt sei. Die Polizei muss ihre Suche einstellen. „Man hätte das anders entscheiden können“, sagt ein Sicherheitsbeamter heute. Schließlich sei auch eine Einstufung als terroristische Vereinigung oder eine Verabredung zum Mord möglich gewesen, dann hätte eine längere Strafverfolgungsverjährung gegolten. Dafür hätten die Tatvorwürfe nicht ausgereicht, befindet die Staatsanwaltschaft damals. Die drei Rechtsterroristen hätten 2003 eine legale Existenz aufnehmen können. Niemand weiß, was sie getan haben.

Doch sie sind längst auf einem anderen Trip: eine Mordserie an türkischen Kleinhändlern. In Nürnberg, München, Hamburg werden diese am helllichten Tag mit Kopfschüssen getötet, immer aus der gleichen Waffe, einer tschechischen Ceská mit Schalldämpfer. Als im Februar 2004 und im Juni 2005 in Rostock und in Nürnberg Döner-Verkäufer zu den Mordopfern werden, ist von den „Döner-Morden“ die Rede.

Der Fall beschäftigt eine Sonderkommission in Nürnberg mit 160 Beamten, Ermittler aus der Türkei werden hinzugezogen. 5000 Personen werden überprüft. Die Profiler sind ratlos, es gibt außer der Waffe scheinbar nichts, was die Morde verbindet. Die These rechtsextremistischer Täter wird erwogen. „Doch die andere Seite, der Verfassungsschutz, hat dazu nichts geliefert“, sagt ein Ermittler, der von Anfang an dabei war. „Wir haben auch Rechtsextremismus als Motiv angenommen, aber dazu keine Informationen aus den Ermittlungsgruppen in den Ländern bekommen“, sagt BKA-Chef Jörg Ziercke.

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