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Rechtsterrorismus : Das Puzzle von Zwickau

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Im selben Jahr gab es einen Kontakt zu den Eltern von Böhnhardt und Mundlos mit dem Ziel, das Trio zu überzeugen, sich zu stellen. Ein Anwalt aus Gera war auf Wunsch der Familie Böhnhardt der Mittelsmann. Offenbar forderten die Neonazis, den Haftbefehl gegen sie aufzuheben, bevor sie sich stellten. Dazu war die Staatsanwaltschaft nicht bereit. Der Kontakt lief Anfang des Jahres 1999 aus.

Ausreise nach Südafrika geplant?

Im Jahr 1998 oder 1999 gab es nach Angaben eines früheren Mitarbeiters des Thüringer Landesamtes für Verfassungsschutz den Versuch, dem Trio den Kauf falscher Papiere auf dem Schwarzmarkt zu ermöglichen. Über den V-Mann Brandt sollten einem Mittelsmann dafür 2000 Mark übergeben werden. Im Gegenzug erhoffte sich das Amt Hinweise auf den Aufenthaltsort des Trios sowie auf die Tarnnamen in den Papieren. Das Trio plante vermutlich die Ausreise nach Südafrika, wo es einen Aufenthalt auf dem Hof des Rechtsextremisten Klaus Nordbruch geplant haben könnte.

Die Information über den Kauf falscher Papiere wurde während einer Sitzung der Parlamentarischen Kontrollkommission am 8. Dezember 2011 in Erfurt bekannt und nicht am 6. Dezember, wie es jüngst in einem Zeitungsbericht hieß. Auch die in diesem Zusammenhang geäußerte Kritik, die Thüringer Behörden hätten die sächsischen nicht über den geplanten Coup in Kenntnis gesetzt, entbehrt aus Sicht der Fachleute jeder Logik. Falsche Papiere stellten schließlich nicht die Meldebehörden in einer beliebigen sächsischen Kommune gegen Zahlung von 2000 Mark aus, sondern nur Kriminelle. Es hätte also keinen Sinn gemacht, die sächsischen Meldebehörden darüber zu informieren, dass der Thüringer Verfassungsschutz den Kauf falscher Papiere über den Schwarzmarkt finanzieren wollte. Am Ende wurden die 2000 Mark überhaupt nicht für den Kauf falscher Papiere verwendet, weil der Mittelsmann, der als Krimineller gilt, das Geld einfach für sich behielt.

Das BKA-Fahndungsfoto mit den Bildern von Uwe Böhnhardt (links), Uwe Mundlos und Beate Zschäpe

Ende des Jahres 1999 verfestigte sich dann der Eindruck, dass sich das Trio im Raum Chemnitz in Sachsen aufhalte. Im Jahr darauf gab es Hinweise auf weitere Kontaktpersonen des Trios, darunter Mandy S., die Frau Zschäpe ähneln soll, und ihr Lebensgefährte Kai S. Die Verfassungsschutzbehörden und Landeskriminalämter nahmen im Raum Chemnitz fünf Zielpersonen ins Visier einer Operation. Auch die Öffentlichkeit wurde über eine Fahndungssendung im Fernsehen eingebunden. Der Thüringer Verfassungsschutz fotografierte in Chemnitz zwei Personen, die Ähnlichkeit mit Mundlos und Böhnhardt hatten. Die eine Person wurde jedoch als Kai S. identifiziert. Die Bilder gingen an das LKA-Thüringen und von dort an das Bundeskriminalamt. Dieses bestätigte, dass es sich bei der anderen Person mit großer Wahrscheinlichkeit tatsächlich um den flüchtigen Böhnhardt handelte.

Es kam dem Vernehmen nach noch zu einer Reihe von Observationen in Sachsen, für die der dortige Verfassungsschutz zuständig war. Ein Wohnhaus in Chemnitz wurde mit einer unbemannten Videoanlage überwacht, in dem Mandy S. wohnte. Dort wurden möglicherweise auch Böhnhardt und Frau Zschäpe beim Betreten des Hauses auf einem Video festgehalten. Auch hier scheiterte der Versuch einer Festnahme. Aus dem Thüringer Landeskriminalamt kam der Hinweis, dass sich in dem Haus am 30. September oder am 1. Oktober 2000 Böhnhardt und Kai S. in dem Haus treffen wollten. Die Polizei in Chemnitz plante einen Zugriff, aber keiner der Gesuchten erschien. Die Auswertung der automatischen Videoaufzeichnungen ergab später, dass sich Frau Zschäpe und Böhnhardt schon am 29. September dort getroffen hatten.

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