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Rechtsextremismus : Der schwierige Einstieg in den Ausstieg

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Die Kooperation mit der Familie macht vieles leichter. Die Eltern, die sich an Frau Juch wenden, sind allerdings eine besondere Klientel. Sie sind überdurchschnittlich sensibel für das Thema, wehren sich dagegen, dass ihr Kind in die rechtsextreme Szene rutscht. Häufig ordnen sich diese Eltern im politischen Spektrum eher links ein. Die Probleme zwischen Eltern und rechtsextremistischen Jugendlichen, über die Frau Juch berichtet, ähneln denen jener Familien, in denen Jugendliche früh dem Alkoholmissbrauch verfallen, Eigentumsdelikte begehen, in einen schlechten Freundeskreis abrutschen oder sich einem anderen Gruppenzwang unterordnen, der sie von der Familie entfremdet. Es sind typische Fälle, in denen Jugendliche während der Pubertät ihre Eigenständigkeit mit ausgeprägter Hartnäckigkeit und um den Preis grenzüberschreitender Provokationen suchen.

„Provokation der Gesellschaft“

Die Eltern wenden sich an die Beratungsstelle, weil das Kind - für die Eltern oft überraschend - von der Polizei vorgeladen wird, weil ein Lehrer über Hakenkreuze im Schulheft berichtet oder weil der Mutter einschlägige T-Shirts auffallen oder der Vater bei den Texten der Teenagermusik einmal genauer hinhört. Diese Jugendliche verehren womöglich Odin und verhöhnen Jesus, als „Provokation, als Niedermachen dessen, was in der Gesellschaft angesagt ist“, berichtet Frau Juch. Den Eltern, die sich an die Beratung wenden, sind ihre Kinder nicht gleichgültig. Gewalt der Eltern an den Kindern ist kein häufig vorkommendes Problem in diesen Familien. Durchaus aber gibt es den umgekehrten Fall.

Die Kinder bedrohen die Eltern, oder aber die Kinder erpressen diese: „Wenn du mir nicht 50 Euro gibst, gehe ich mit den Springerstiefeln auf Arbeit.“ Unter den Eltern, die Rat suchen, gebe es solche ohne Ausbildung, aber auch Akademiker mit gutem Einkommen, berichtet Frau Juch. Häufig stammen die Jugendlichen aber aus Familien, in denen die Ehe nicht funktioniert oder geschieden worden sei. Und ebenfalls häufig begegnet den Beraterinnen die „überbesorgte Mutter“, die ihren Sohn überschätzt und ihn stets als Opfer des Systems oder unfair agierender Mitmenschen sieht.

Frau Juch versucht, den Eltern zu helfen, wieder mit den Kindern ins Gespräch zu kommen. Doch es ist sehr schwer, „die Eskalation herauszunehmen“, die für die Eltern in dem rechtsextremistischen Bekenntnis der Kinder liegt. Es geht um die Differenzierung zwischen dem Menschen und dessen Gesinnung: „Wir wollen über Alltagsthemen die positive Wertschätzung für das Kind zurückholen. Die Eltern sollen nicht nur die nationalsozialistischen Symbole sehen, sondern das Kind nicht aufgeben.“

Die Erfolge der Beraterinnen sind offenbar unterschiedlich. Das liegt in der Natur der Sache. Für die Psychologin Juch geht es im Gespräch mit den Eltern nicht sofort um den Ausstieg des Kindes aus der Szene, sondern um ein besseres Zusammenleben zu Hause, damit der Rauswurf des Jugendlichen aus der Familie verhindert wird. Frau Linhart hat dagegen mit Menschen zu tun, die den eigenen Ausstieg wollen. Zwei Drittel der Klienten, schätzt sie, gelingt dies. Ihr harter Maßstab, den Erfolg zu messen, ist der Rückfall der Klienten in die politisch motivierte Kriminalität. Beide Beraterinnen wünschen sich mehr Verständnis für ihre Arbeit. Aussteigerprojekte für Rechtsextremisten müssten ebenso selbstverständlich werden wie jene für Drogenabhängige.

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