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Rechtsextremismus : Blind

Politiker und Beamte zu beschuldigen, sie seien auf dem rechten Auge blind, fällt derzeit besonders leicht. Die Empörten haben das rechte nur deshalb so nötig, weil sie von jeher auf dem linken nichts sehen konnten.

          Wenn es das Ziel rechtsextremistischen Terrors sein sollte, die Blindheit der deutschen Gesellschaft und Politik zu entlarven, dann hat er sein Ziel fast schon erreicht. Und das nur nach den wenigen Tagen, in denen erst klar wurde, dass es einen solchen Terrorismus in organisierter Form überhaupt gibt.

          Viele von denen, die sich jetzt so schlau zu Wort melden, hatten das schon immer gewusst: Unterm Pflaster liegt der braune Strand. Vor Jahren aber fand es mancher dieser Empörten von heute nicht entfernt so empörend, mit Terrorismus offen zu sympathisieren. Damals wurden die extremistischen „Widerstandsformen“ erfunden, die von Neonazis heute kopiert werden.

          Politiker und Beamte zu beschuldigen, sie seien auf dem rechten Auge blind, fällt solchen Leuten besonders leicht. Denn sie haben das rechte nur deshalb so nötig, weil sie von jeher auf dem linken nichts sehen konnten.

          Verbrecher, die sich ihre Ideologie suchen

          Von eingeschränkter Sehschärfe zeugt es auch, den Wahnsinn des Zwickauer Trios und seines wie auch immer gearteten Netzwerks einer wachsenden Fremdenfeindlichkeit in Deutschland, also am besten gleich Sarrazin in die Schuhe zu schieben. Diese Taten haben vielleicht mit Verwahrlosung zu tun, mit Perspektivlosigkeit, mit der kriminellen Energie autoritärer Charaktere, die nichts mit einer offenen Gesellschaft anfangen können. Doch mit Fremdenfeindlichkeit hat dieser Terrorismus ungefähr so viel zu tun wie die RAF mit dem kommunistischen Weihnachtsmann.

          Ob braun oder rot: Es sind Verbrecher, die sich eine Ideologie suchen, die ihnen Machtgefühle verleiht und letzte Skrupel tötet. Bekämpfen lässt sich solcher Terrorismus nicht mit Gesellschaftstherapie, nicht mit der verräterischen Differenzierung zwischen „Dumpfbacken“ und „verlorenen Bürgerkindern“, sondern mit den Gewaltmitteln des Staates.

          Schon als in den neunziger Jahren Asylbewerberheime brannten, haben das auch jene begreifen müssen, die solchen Mitteln im Kampf gegen den Linksterrorismus skeptisch gegenüberstanden. Jetzt stellt sich ihnen die ähnlich gelagerte Frage, warum im Kampf gegen Rechtsextremismus billig sein soll, was gegen islamistischen Terror zu teuer war. Die Antwort kann nicht eine zur Schau getragene Betroffenheit, kann nicht Instrumentalisierung, kann nicht politische Augenoptik sein. Sonst lachen die Dumpfbacken am Ende noch über die Dumpfbacken.

          Jasper von Altenbockum

          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

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