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Rechtsextremes Gefängnisnetzwerk : Als hätte es den NSU nie gegeben

Zimmer mit Aussicht: Während Bernd T. im Gefängnis im hessischen Hünfeld saß, pflegte er seine Kontakte in die Szene. Zum Beispiel mit einer öffentlichen Werbeanzeige Bild: dpa

Ein Rechtsextremist baut eine Organisation für Gefangene auf - aus der Haft. Die Behörden hätten das schon vor Monaten sehen müssen. Für eine Überprüfung sahen sie aber „keinen Anlass“ - oder waren einfach unaufmerksam.

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          Hätten die hessischen Verfassungsschützer nur die „Bikers News“ aufmerksamer gelesen. Die Behörde in Wiesbaden hat die Motorradzeitschrift abonniert - wegen der Rockerclubs, von denen manche Verbindungen in die organisierte Kriminalität haben. In der Ausgabe von Oktober 2012 gab es eine vielsagende Anzeige, die den Leuten im hessischen Landesamt glatt durch die Lappen ging.

          Markus Wehner
          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Bernd T. suchte per Annonce neue Mitglieder für eine Gefangenenorganisation. Der Rechtsextremist saß zu dem Zeitpunkt seit einem knappen Jahr in der Justizvollzugsanstalt Hünfeld in Hessen. Als Überschrift für die Anzeige wählte der Häftling den Namen der Organisation: „AD Jail Crew (14er)“. Die habe er „als Alternative von und für Brüder & Schwestern am 20.04.2012 in der JVA Hünfeld ins Leben gerufen“. Neunzehn Gefängnisse im ganzen Bundesgebiet zählte T. auf, in denen er schon Ansprechpartner gefunden habe. Es gehe um „Loyalität, Kameradschaft und die ,Alten‘ Werte“. Als Symbol für den Club sei ein Adler gewählt worden, der die Ziffer 14 in den Krallen trage. Nun müsse man nur noch Namen und Logo beim Gericht als Verein eintragen lassen. „Ist nur noch reine Formsache...“, schrieb T.

          Entwurf eines Briefes an Zschäpe gefunden

          Leider sahen die Fachleute in Wiesbaden die Anzeige nicht. Sonst wären ihnen die Codes aufgefallen, die Rechtsextremisten zur Tarnung benutzen: „AD“ steht für „Aryan Defense“, also Arische Verteidigung, die „14“ für den 1. und 4. Buchstaben des Alphabets, also für AD, sowie auch für die unter Neonazis und Rassisten bekannten 14 Worte: „Wir müssen die Existenz unseres Volkes und die Zukunft für die weißen Kinder sichern.“ Dass das Gründungsdatum der „Gefängnistruppe“ der Geburtstag von Adolf Hitler ist, hätten sogar Laien erkennen können. Doch erst als das „Neue Deutschland“ Mitte Februar dieses Jahres die Suchanzeige zum Thema machte, begann man in Wiesbaden zu verstehen, dass es sich lohnt, Zeitschriften genau zu lesen.

          Vor einigen Wochen durchsuchten Justizvollzugsbeamte in der JVA Hünfeld die Zelle von T. Sie fanden die handschriftliche Satzung der Organisation, datiert auf den 20. April 2012, und Briefe von Insassen aus einem Dutzend anderer Gefängnisse aus ganz Deutschland, zum Teil sogar aus dem Ausland. Außerdem entdeckten sie eine handschriftliche Liste, auf der rund 50 Häftlinge verzeichnet waren, sowie die Adressen der Gefängnisse, in denen sie einsitzen. Eine lautete: Beate Zschäpe, JVA Köln-Ossendorf. Auch der Entwurf eines Briefes an Zschäpe soll in der Zelle gefunden worden sein. Unklar ist allerdings noch, ob der Brief an Zschäpe wirklich geschrieben und abgeschickt wurde und ob sie ihn erhalten hat.

          Die lange Akte des T.

          T. ist für Verfassungsschutz, Polizei und Justiz kein Unbekannter. Derzeit sitzt er wieder einmal eine Haftstrafe ab - wegen Körperverletzung, Betrug, Sachbeschädigung und Beleidigung. Der 38 Jahre alte fast glatzköpfige und reichlich tätowierte Mann aus Schleswig-Holstein ist seit mehr als zwei Jahrzehnten in der Neonazi-Szene aktiv, für seine Brutalität ebenso bekannt wie für seinen Aktionswillen. Im Jahr 1993 stand er mit 19 Jahren vor Gericht, weil er einen Obdachlosen zu Tode geprügelt hatte. Dafür wurde er zu dreieinhalb Jahren für Körperverletzung mit Todesfolge verurteilt, ein „unverständlich geringes Urteil für einen glatten Mord“, wie es in Sicherheitskreisen heißt.

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