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NSU-Prozess : Unfreie Platzwahl

Schon wieder veraltet: Die Sitzordnung ihrer Anwälte Grasel, Stahl, Sturm und Heer (von links nach rechts) soll nach dem Willen von Zschäpe neu gestaltet werden. Bild: dpa

Beate Zschäpe setzt weiter auf Konfrontation mit ihren Pflicht-Verteidigern: Wieder will sie einen ihrer Anwälte loswerden - und eine neue Sitzordnung durchsetzen.

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          Er könne sich gar nicht umsetzen, sagt Wolfgang Heer auf die Frage des Vorsitzenden nach der nun gültigen Sitzordnung. „Ich weiß ja nicht, ob Frau Zschäpe nicht wieder eine neue Sitzordnung favorisiert, jetzt, wo sie heute Morgen einen neuen Entbindungsantrag gegen mich gestellt hat.“ Dabei wedelt er mit einem handschriftlich beschriebenen Blatt Papier und zieht in gespielt hilfloser Geste die Schultern hoch. Dass er mit seiner Einschätzung richtig liegt, zeigt nur Sekunden später die Stellungnahme von Verteidiger Mathias Grasel: „Frau Zschäpe möchte die Sitzordnung nun wie folgt: Grasel, Zschäpe, Stahl, Heer, Sturm.“ Wieder einmal werden Stühle gerückt, grinsend stöpselt Wolfgang Heer sein Laptopkabel aus, während sich Beate Zschäpe ohne eine Miene zu verziehen an Anja Sturm vorbeiquetscht, um mit ihr den Platz zu tauschen.

          Karin Truscheit
          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Erst am Montag hatte sich die Angeklagte noch eine andere Sitzordnung gewünscht, mit Wolfgang Heer statt Wolfgang Stahl an ihrer rechten Seite. Nur ihre Anwältin Anja Sturm soll nach wie vor ganz am Ende der Reihe sitzen. Doch am Montagmorgen hatte Beate Zschäpe angeblich auch noch nicht gewusst, dass ihr Verteidiger Wolfgang Heer mit dem Vorsitzenden Richter außerhalb der Verhandlung über ihre Aussagebereitschaft gesprochen hatte. Das hatte der Vorsitzende Richter in seiner Begründung angeführt, als er die Anträge ihrer drei Verteidiger auf Entpflichtung ablehnte. Dass Zschäpe nun wiederum versuchen wird, Wolfgang Heer seiner Aufgaben zu entbinden, wurde spätestens dann klar, als ihr Verteidiger Grasel am Montag das „Befremden“ seiner Mandantin angesichts der Unterhaltungen Wolfgang Heers mit dem Vorsitzenden Richter zum Ausdruck brachte. Bis Mittwoch hat Wolfgang Heer nun Zeit, zu ihrem Antrag Stellung zu nehmen. Das erste Mal hatte sie schon im Juli 2014 versucht, Wolfgang Heer zusammen mit den zwei anderen Verteidigern zu entpflichten. Seine Ausführungen dazu dürften diesmal interessant werden, hatte er doch am Montag erst dargelegt, dass er selbst eine sachgerechte Verteidigung derzeit nicht gewähren könne – aus Gründen, die er mit Hinweis auf die anwaltliche Schweigepflicht nicht vortragen wollte.

          Was wusste Zschäpe von dem Mord an Kiesewetter?

          Doch mit der zügigen Ablehnung der Entpflichtungsanträge der drei Verteidiger noch am Montag wollte der Vorsitzende Richter das Verfahren so schnell es geht wieder der Beweisaufnahme zuwenden, von der es die Anträge der vergangenen Wochen immer wieder weggezerrt hatten. So lässt er sich auch am Dienstag weder von Zschäpes Wunschliste für die Anklagebank noch von ihrem neuen Entbindungsantrag aus der Spur bringen und macht da weiter, wo er Montagabend aufgehört hatte: mit der Befragung von Zeugen. Um Normalität scheinen auch die drei zum Weitermachen verdonnerten Verteidiger von Beate Zschäpe bemüht. Stahl zumindest beanstandet mehrfach den Vortrag der Kriminalbeamtin, die Auskunft darüber gibt, dass an mindestens zwei Umschlägen, in denen die „Bekenner-DVDs“ des NSU verschickt wurden, die Fingerabdrücke von Beate Zschäpe sichergestellt worden seien. In dieser 2011 an Zeitungen und Parteibüros verschickten DVD prahlt der NSU mit seinen Mordtaten. Die Zeugin trage nur aus den Akten vor und teile nicht ihre eigenen Wahrnehmungen mit, moniert Stahl die Angaben, die seine Mandantin belasten.

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          Doch Manfred Götzl lässt dessen Kritik allenfalls als „seine persönliche Einschätzung“, aber nicht als Beanstandung gelten. Deutlich wird bei der Zeugenaussage auch, dass der NSU demnach nicht nur Videomitschnitte von Beiträgen über die Morde an den neun Mitbürgern mit ausländischen Wurzeln zusammengestellt hatte. Es sei zudem ein Video sichergestellt worden, so die Zeugin, das Mitschnitte über den Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter zeigten. „Der Techniker ist zu der Schlussfolgerung gekommen, dass das Video für das Bekennervideo benutzt wurde.“ Erst vergangene Woche war durch einen Bericht der „Bild“-Zeitung bekanntgeworden, dass Beate Zschäpe über den Videokanal Youtube Beiträge über den Mord an der Polizistin geschaut haben soll – lange bevor die Polizei diesen Mord überhaupt mit dem NSU in Verbindung gebracht hatte.

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