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NSU-Prozess : „Ein besonderes Maß an Vernichtungswillen“

Vor fast zehn Jahren ermordete der NSU Halit Yozgat in diesem Internetcafé. Seine Eltern hatten auf Zschäpes Aussage gehofft – und wurden bitter enttäuscht. Bild: dpa

Der 21 Jahre alte Halit Yozgat wurde 2006 in Kassel vom NSU ermordet. Doris Dierbach vertritt seine Familie. Im Gespräch mit FAZ.NET erzählt sie, wie Halits Eltern Zschäpes Einlassungen aufgenommen haben.

          Frau Dierbach, wie hat die Familie des ermordeten Halit Yozgat, die Sie als Nebenkläger im NSU-Prozess vertreten, die Aussage von Frau Zschäpe aufgenommen?

          Leonie Feuerbach

          Redakteurin im Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Familie Yozgat war sehr enttäuscht und traurig. Herr und Frau Yozgat waren im Gerichtssaal und hatten sich natürlich erhofft, dass Frau Zschäpe ein bisschen was zu den Hintergründen dieser ganzen Tat sagt, etwa, was die Täter bewogen hat und warum es ausgerechnet Halit Yozgat traf. Seine Eltern hätten das gerne besser verstanden, und dazu hat die Erklärung von Frau Zschäpe nichts beigetragen. Auch wenn uns allen klar war, dass wir von Frau Zschäpe höchstwahrscheinlich nichts Weitergehendes erwarten konnten, haben wir es uns trotzdem alle gewünscht.

          Die Eltern hatten beide schon früher versucht, Zschäpe zum Reden zu bringen.

          Ja. Frau Yozgat hat am Anfang des Prozesses Frau Zschäpe angesprochen, auf der Ebene von Frau zu Frau, und hat gesagt: „Wenn es irgendetwas gibt, dass Sie mir sagen können, damit ich mit dem Tod meines Kindes besser leben kann, dann sagen Sie es bitte“, und das ist nicht geschehen. Herr Yozgat, in dessen Armen sein Sohn Halit 2006 im Internetcafé der Familie gestorben ist, ist als Zeuge vernommen worden. In diesem Zusammenhang hat er sie regelrecht angefleht, ihm die Hintergründe zu verraten. Auch da kam gar nichts von ihr.

          Und wie hat Familie Yozgat auf Zschäpes Entschuldigung reagiert?

          Diese Entschuldigung ist nicht annehmbar, einfach, weil so offenkundig ist, dass die Einlassung in den entscheidenden Punkten nicht stimmt. Man kann sich für solche Taten ohnehin eigentlich gar nicht entschuldigen, sondern höchstens um Vergebung bitten. Das setzt aber das wirkliche Eingeständnis eigener Schuld voraus. Wenn man aber sieht, wie fröhlich, lachend – nicht nur lächelnd – und nahezu ausgelassen Frau Zschäpe an diesem Morgen den Saal betreten hat, kann man gar nicht auf die Idee kommen, dass diese Entschuldigung ernst gemeint und von einem Mitgefühl getragen ist. Wenn man sich dann noch in Erinnerung ruft, wie starr und emotional unerreichbar sie im Verfahren in den Momenten war, als Fotos der Getöteten mit schlimmsten Verletzungen angeschaut wurden, dann nimmt man ihr das einfach nicht mehr ab. Auch nicht, dass sie auf den Bericht von Böhnhardt und Mundlos über die Begehung dieser Morde so empört reagiert haben will, wie sie am Mittwoch behauptet hat.

          Nebenklage-Anwältin Doris Dierbach

          Hat sich die Hoffnung, herauszufinden, warum Halit Yozgat als Mordopfer ausgesucht wurde und welche Rolle der Verfassungsschutz spielte – ein V-Mann saß ja während der Tat in dem Internetcafé – jetzt endgültig zerschlagen?

          Wir können nicht erwarten, etwas von Frau Zschäpe darüber zu erfahren. Aber andererseits haben wir  ja auch schon einiges erfahren. Wir gehen davon aus, dass es keinen tieferen Sinn in diesen Taten gibt. Es sind einfach zutiefst menschenverachtende Nazi-Taten. Frau Zschäpe hat zwar am Mittwoch versucht das zu relativieren, indem sie behauptet hat, die Männer hätten aus ihrer Perspektivlosigkeit heraus gemordet. Aber das ist natürlich abwegig. Da muss man nur diese charakteristische Weise der Morde betrachten, das besondere Maß an Menschenverachtung und Vernichtungswillen, der in den Schüssen ins Gesicht zum Ausdruck kommt. Zschäpe hat versucht, das Morden als eine Art dummer Angewohnheit darzustellen. So als wären die beiden regelmäßig nach Hause gekommen und hätten gesagt „Beate, es ist schon wieder passiert“ und sie hätte ihnen dann Vorwürfe gemacht, wie bei einem Drogen-Rückfall. Das ist grotesk.

          Auf weitere Erkenntnisse hoffen Sie also nicht mehr?

          Nein, das würde ich nicht sagen. Man weiß ja nicht, was das Verfahren noch bringt. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass wir da noch mehr erfahren; es sind ja auch noch Beweisanträge offen. Ein Strafprozess ist immer eine dynamische Angelegenheit, und mitunter erfährt man noch im letzten Moment nach dem Plädoyer etwas. Und wir sind gerade in einer ganz wichtigen Phase. Interessant ist ja auch, dass Frau Zschäpe über die Mitangeklagten kein Sterbenswörtchen verloren hat. Das ist sicherlich ein Aspekt, der in den nächsten Wochen noch problematisiert werden wird. Auch der Mitangeklagte Ralf Wohlleben wird sich ja jetzt noch äußern.

          Wieso, glauben Sie, hat Zschäpe nach vier Jahren ihr Schweigen gebrochen? Fürchtet sie, aufgrund der Indizien lebenslänglich ins Gefängnis zu müssen?

          Sagen wir mal so: Es gibt Anhaltspunkte für die Annahme, dass sie diese Art der Einlassung schon sehr lange für sich vorgehabt hat. Es ist deutlich geworden, dass ihre Verteidiger Sturm, Stahl und Heer ihr geraten haben zu schweigen und dass Frau Zschäpe diesem Rat irgendwann nicht mehr folgen wollte. Sie dachte scheinbar immer, sie könne Boden gut machen mit dieser Einlassung. Ich glaube nicht, dass sie sich zu diesen inhaltlichen Äußerungen hat hinreißen lassen, sondern dass sie das schon lange so darstellen wollte.

          Wird ihre Aussage den Prozess jetzt beschleunigen?

          Es ist erstaunlich, dass Frau Zschäpe die Anklage des Generalbundesanwalts vollumfänglich bestätigt hat – mit Ausnahme derjenigen Tatbeiträge, die ihr zugerechnet werden, von der Brandstiftung einmal abgesehen. Diese Einlassung wird den Prozess zumindest nicht verzögern. Um ihn allerdings beschleunigen zu können, sind die Angaben zu einem zu späten Zeitpunkt erfolgt.

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