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NSU-Prozess : Eine Frau aus einem anderen Bereich

Eine rote Lampe ist den Nachbarn in Beate Zschäpes Wohnung aufgefallen. „Die ging manchmal an, kurz dann wieder aus. Wir dachten erst, die arbeitet in einem anderen Bereich.“ Bild: dpa

Beim NSU-Prozess haben die Nachbarn von Beate Zschäpe ausgesagt. Ihr wird vorgeworfen, durch das Anzünden ihrer Wohnung den Tod dreier Personen in Kauf genommen zu haben. Am Tag der Explosion haben die Anwohner sie mit Katzenboxen flüchten sehen.

          Selbst wenn Beate Zschäpe nicht als Mittäterin bei zehn Morden verurteilt wird, könnte ihr eine lebenslange Freiheitsstrafe drohen. Allein durch das Anzünden ihrer Zwickauer Wohnung hat sie - so die Anklageschrift - versucht, drei Menschen zu töten. Auch das kann zu einer Verurteilung zu lebenslanger Haft führen. Die Bundesanwälte werfen Zschäpe vor, ihre Wohnung in der Frühlingsstraße 26 mittels einer brennbaren Flüssigkeit in Brand gesetzt zu haben. Sie habe dabei zumindest in Kauf genommen, dass drei Personen sterben: ihre damals 89 Jahre alte Nachbarin und zwei Handwerker, die gerade eine Dachgeschosswohnung sanierten. Die Beweislage für die Brandstiftung war im bisherigen Prozessverlauf deutlich klarer als für den Vorwurf des zehnfachen Mordes.

          Helene Bubrowski

          Politische Korrespondentin in Berlin.

          Als Zeugen wurden am 29. Prozesstag die Verwandten von Zschäpes 89 Jahre alter Nachbarin vernommen. Eine Nichte, die 65 Jahre alte Monica M., sowie deren Enkeltochter wohnen in der Frühlingsstraße 27 - direkt gegenüber von Zschäpes früherer Wohnung. Monica M. sagte, sie habe in Zschäpes Fenster oft eine rote Lampe gesehen. „Die ging manchmal an, kurz dann wieder aus. Wir dachten erst, die arbeitet in einem anderen Bereich. Dass das Blinken bedeutet, der nächste kann kommen.“ An jenem Freitag, der 4. November um 15 Uhr, stand Monica M.s Enkeltochter am Fenster. „Ich habe einen lauten Knall gehört und gesehen, dass die Angeklagte weggelaufen ist, in jeder Hand hatte sie eine Katzenbox.“ Die heute 18 Jahre alte Schülerin hatte damals die Feuerwehr gerufen. Ihre Oma und deren Schwester seien schnell hinüber gelaufen, um die Tante zu retten.

          Der Vorwurf des heimtückischen Mordes setzt voraus, dass das Opfer wehrlos war. Daher fragt der Vorsitzende Richter Götzl immer wieder nach dem Gesundheitszustand der Tante. „Sie konnte damals schon schlecht laufen und lag viel“, sagt Monica M. In der Wohnung sei sie noch zurechtgekommen, außerhalb habe sie einen Rollator gebraucht, für längere Strecken einen Rollstuhl. Der habe neben der Eingangstür auf einem Podest gestanden - gut sichtbar für Zschäpe. „Sie hat auch damals schon sehr schlecht gehört, wollte aber kein Hörgerät haben“, sagt Monica M. Sie habe erst gar nicht mitbekommen, dass es eine Explosion gegeben habe.

          Ausgerechnet eine Nachfrage von Zschäpes Verteidigern lässt den Verdacht aufkeimen, die Anklage müsse womöglich auf sechs statt drei versuchte Morde lauten. Ob die Nichten der alten Nachbarin diese an jenem Freitag besucht hätten, wollte sie wissen. „Jeden Freitag gegen 15 Uhr haben wir drei Schwestern uns in der Wohnung der Tante zum Kaffeeklatsch getroffen“, sagt M. „An diesem Freitag waren wir ein bisschen spät dran.“ Hätten sie sich zur üblichen Zeit getroffen, hätten auch sie in den Flammen sterben können.

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