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NSU-Mord in Kassel : Mehr als eine Randnotiz

In diesem Kasseler Internetcafé wurde am 6. April 2006 Halit Yozgat erschossen Bild: dpa

Vom Mord des NSU in einem Kasseler Internetcafé will Verfassungsschützer Andreas T. nichts mitbekommen haben. Ermittler meinen: Er hätte über die Leiche stolpern müssen.

          3 Min.

          Seit Monaten liegen die Akten beim Generalbundesanwalt. Mehr als tausend Seiten, sauber dokumentiert in Dutzenden von Ordnern. Es sind Tatortbilder, Vernehmungsprotokolle, ballistische Gutachten und seitenweise Ermittlungsbericht, die verdeutlichen, dass der Fall Andreas T. nach wie vor mehr ist als eine Randnotiz bei den Ermittlungen gegen den „Nationalsozialistischen Untergrund“ (NSU). Belege dafür, dass der frühere hessische Verfassungsschützer mit der Mordserie der Zwickauer Terrorzelle in Verbindung steht, gibt es bis heute nicht. Aber dennoch lassen die Fragen, die sich in dem Fall stellen, den damaligen Ermittlern und nun auch den Obleuten im NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestages keine Ruhe.

          Katharina Iskandar

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das mag vor allem an der Brisanz liegen, die dieser Fall mit sich bringt: Der Verfassungsschützer, der inzwischen aus dem Dienst entlassen ist, befand sich ausgerechnet am Nachmittag des 6. April 2006 in dem Kasseler Internetcafé an der Holländischen Straße, als der Deutsch-Türke Halit Yozgat, der als neuntes NSU-Opfer gilt, erschossen worden war. T. galt damals als Verdächtiger, dann wurde er vorübergehend sogar als Beschuldigter geführt. Ermittler sagen bis heute, seine Aussagen seien damals in Teilen nicht glaubhaft gewesen. Diese Einschätzung wird nach wie vor auch von dem damaligen Chefermittler, Gerald Hoffmann, geteilt. Und sie wiegt schwer.

          Immer nur scheibchenweise

          Der Fall zeigt aber auch, wie leicht sich der Nährboden für Verschwörungstheorien bereiten lässt, wenn mögliche Zufälle zusammenkommen und wenn Informationen nicht von Anfang an offengelegt werden, sondern immer nur scheibchenweise, wie es in diesem Fall geschehen ist. So war Andreas T. nicht nur irgendein Außendienstmitarbeiter des hessischen Verfassungsschutzes, sondern V-Mann-Führer. Im April 2006 war er für fünf Quellen zuständig, eine davon aus dem Rechtsextremismus. Mit dieser Quelle hatte er an jenem 6. April telefonischen Kontakt. Etwa eine Stunde, bevor er das Internetcafé aufsuchte.

          Laut den Ermittlungsberichten hatte T. den kleinen Laden an der mehrspurigen Durchgangsstraße gegen 16.50 Uhr betreten. Kurz darauf soll er sich an einem der Computerterminals eingeloggt haben. Zu diesem Zeitpunkt waren fünf weitere Personen in dem Raum. Drei Männer, darunter zwei Jugendliche, sowie eine Frau mit Kind. Etwa zehn Minuten lang surfte T. im Internet, um 17.01 Uhr soll er plötzlich aufgestanden sein und das Café verlassen haben. Bis heute ist unklar, ob Halit Yozgat zu diesem Zeitpunkt schon tot war. T. selbst hatte in seiner Vernehmung damals ausgesagt, er habe weder Schüsse gehört noch beim Hinausgehen die Leiche gesehen. So habe er das 50-Cent-Stück als Bezahlung für die Nutzung des Computers kurzerhand auf den Tresen gelegt und das Café verlassen.

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