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NSU-Helfer : Einige muss man laufenlassen

Die Ceska 83: Carsten S. beschaffte sie von einem Mitinhaber des Szene-Ladens „Madley“ in Jena Bild: dapd

Nicht alle Helfer der rechtsextremistischen Terrorzelle NSU müssen mit einer Anklage rechnen - sie profitieren von Verjährung. Bei den Waffenbeschaffern spielt das keine Rolle: gegen sie wird wegen Beihilfe zum Mord ermittelt.

          In der Thüringer Neonazi-Szene tauchte Carsten S. Anfang 1998 auf, machte bei Demos und Infoständen des Thüringer Heimatschutzes mit. S., damals 18 Jahre alt, brannte auf Anerkennung durch die Kameraden, die als Führungsfiguren galten. Dass er nicht zu den führenden Rechtsextremisten gehörte, die unter Beobachtung des Verfassungsschutzes standen, war wichtig für die Rolle, die der gelernte Kfz-Lackierer bald spielen sollte.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Zwischen Herbst 1998 und Sommer 2000 war der junge Neonazi mitunter der Einzige, der unmittelbaren Zugang zum Terror-Trio des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) hatte. Ihm gab diese Rolle „ein gutes Gefühl“. S. lieferte den Rechtsterroristen, wie er nach seiner Verhaftung aussagte, die Ceska 83, also die Waffe, mit der Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt in sechs Jahren neun Migranten erschossen haben.

          Ende 2000 stieg Carsten S. aus der Szene aus

          Von Ralf Wohlleben, der damals zu den Führern der Jenaer Neonazi-Szene gehörte, hatte S. den Auftrag bekommen, eine Waffe mit Schalldämpfer zu besorgen. Wohlleben gab ihm dafür 2500 Mark. Carsten S. beschaffte die Waffe von dem Mitinhaber des Szene-Ladens „Madley“ in Jena, Andreas Sch. In einem Kleinwagen fand die Übergabe statt. Wohl Ende 1999 überbrachte S. sie Mundlos und Böhnhardt. Im September 2000 begingen die ihren ersten Mord damit.

          Carsten S. hat zugegeben, dass er auf jeden Fall eine Waffe mit Schalldämpfer besorgen sollte. Er habe aber nicht gewusst, dass Mundlos und Böhnhardt geplant hatten, damit zu morden. Die Bundesanwaltschaft hält das für unglaubwürdig. Denn S. kannte die ideologisch gespeiste Gewaltbereitschaft in der Szene, er muss gewusst haben, dass die Untergetauchten zunächst Aktionen mit Bombenattrappen durchgeführt und dann selbst eine Rohrbombe gebaut hatten. Eine Pistole mit Schalldämpfer dient zudem nicht der Einschüchterung, sondern soll gezielt eingesetzt werden. Das müsse Carsten S. klar gewesen sein. Ende 2000 stieg er aus der Szene aus, zog drei Jahre später ins Rheinland, studierte Sozialpädagogik, lebte offen als Homosexueller und arbeitete in der Aids-Hilfe mit. In der gesamten Zeit hat er die Geschichte mit der Waffe wohl niemandem erzählt. Nun muss er mit einer Anklage wegen Beihilfe zum Mord rechnen.

          Dem Generalbundesanwalt sind die Hände gebunden

          Sie wird auch auf Ralf Wohlleben zukommen. Schließlich hatte er den Auftrag, die Waffe zu besorgen, an S. vermittelt und das Geld dafür gegeben. Wohlleben hatte dem Trio schon 1998 bei der Flucht geholfen, hielt weiter Kontakt zu ihm, führte Carsten S. an die Gruppe heran, telefonierte zusammen mit ihm von einer Telefonzelle regelmäßig mit dem Trio. Allerdings brach Wohlleben den direkten Kontakt mit Hinweis darauf ab, dass er wegen seiner Tätigkeit in der NPD und im Thüringer Heimatschutz beobachtet werde, und sich deshalb nicht melden könne. Wohlleben stieg 2006 bis zum stellvertretenden Landesvorsitzenden der NPD in Thüringen auf.

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