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NPD in Mecklenburg-Vorpommern : Maschinenpistolen und verlorene Landstriche

Bollwerk gegen die „Gutmenschen“: Das Thing-Haus und NPD-Bürgerbüro in Grevesmühlen Bild: AFP

In manchen Dörfern von Mecklenburg-Vorpommern ist jeder zweite Bewohner rechtsextrem. Die Übrigen leben in einem Albtraum.

          Es war der Lebenstraum von Birgit und Horst Lohmeyer gewesen, aus Sankt Pauli in Hamburg in das mecklenburgische Jamel zu ziehen. Dafür hatten sie einen alten Forsthof erworben. Die Lohmeyers suchten einen stillen Ort mit Platz für ihre Kreativität. Er musiziert, sie schreibt Kriminalromane. Doch das Leben in Jamel wurde für das Ehepaar zum Albtraum. Schon vor den Lohmeyers hatten Anhänger der NPD den Ort für sich entdeckt. Von den knapp vierzig Bewohnern wird etwa die Hälfte der rechtsextremen Szene zugerechnet. Anfang des Jahres fand die Polizei bei einem Nachbarn der Lohmeyers, einem Abrissunternehmer, eine Maschinenpistole und 200 Schuss Munition. Der Mann, ein bekannter NPD-Anhänger, wurde inzwischen zu einer Gefängnisstrafe verurteilt - wegen Hehlerei und unerlaubten Waffenbesitzes.

          Frank Pergande

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Die Lohmeyers wehren sich gegen die unheimliche Nachbarschaft, unter anderem mit einem Rockkonzert jedes Jahr im August. Sie bekamen dafür mehrere Auszeichnungen, darunter in diesem Jahr den Paul-Spiegel-Preis des Zentralrats der Juden in Deutschland. Jamel wehrt sich noch auf andere Weise gegen die Neonazi-Szene. Die Gemeinde macht von ihrem Vorkaufsrecht für Grundstücke Gebrauch, damit diese nicht von Rechtsextremen erworben werden. Zwei Hektar, so berichtet der parteilose Bürgermeister Uwe Wandel, sind auf diese Weise schon an die Gemeinde gekommen. Bei einer anderen Fläche gibt es noch einen Rechtsstreit über das Vorkaufsrecht. Dennoch hat Jamel inzwischen den Ruf, ein Ort der Rechtsextremen zu sein.

          Das „Bürgerhaus“ der NPD

          So ähnlich ergeht es auch Lübtheen, einer kleinen Stadt im Herzen Mecklenburgs. Hier lebt Udo Pastörs, der Fraktionsvorsitzende der NPD im Schweriner Landtag. Aus seinem Juweliergeschäft direkt im Stadtzentrum hat er ein NPD-Wahlkreisbüro gemacht. Pastörs hat weitere NPD-Funktionäre angezogen. Lübtheen wehrt sich gegen den schlechten Ruf, allen voran die sozialdemokratische Bürgermeisterin Ute Lindenau. Wie in Jamel geschieht das auf kreative Weise, etwa mit dem Freilichttheater „Kulturkate“, das mit Aufführungen wie „Der Geldkomplex“ von Franziska zu Reventlow für bürgerliche Werte steht.

          Mitten in Grevesmühlen, in Nordwestmecklenburg gelegen, steht das „Thing-Haus“, darin hat die NPD ein „Bürgerbüro“ eingerichtet. Die rechtsextreme Internetseite „Nachrichten aus Mecklenburg und Pommern“, schreibt dazu: „Jede deutsche Frau und jeder deutsche Mann ist im Thing-Haus willkommen. Alle, die zwanghafte Toleranz, Verleumdung und Zersetzung unserer Kultur und die Lügen der demokratischen Blockparteien satt haben, sind zu jeder Zeit herzlich eingeladen, unserem Kleinod einen Besuch abzustatten.“ Für den Verfassungsschutz ist das „Thing-Haus“ eine „Vernetzung von NPD, Neonazis und subkultureller rechtsextremistischer Szene“.

          Rechtsextreme Zentren

          Die Zivilgesellschaft wehrt sich gegen die Einrichtung. In der Sprache von „Mupinfo“ wird das so geschildert: „In den letzten Wochen ist viel gehetzt und gespien worden. Andrea Röpke, Mathias Brodkorb und andere ,Gutmenschen‘ haben ihr Geschwätz und Gewäsch geradezu erbrochen. Bürgermeister und Autohändler demaskieren ihre Hinterhältigkeit, und Sonderbeamte der politischen Polizei schlagen sich bitterkalte Nächte um die Ohren. Und der ganze pseudodemokratische Affentanz wird veranstaltet, weil ein neuer nationaler Stützpunkt in Grevesmühlen errichtet wurde.“ Frau Röpke ist Journalistin mit dem Themenschwerpunkt Rechtsextremismus. Brodkorb, den die Medien auch gern einmal „Nazi-Jäger“ nennen, war Initiator der Internetplattform „Endstation Rechts“ und ist inzwischen SPD-Kultusminister in Mecklenburg-Vorpommern. In seinem Ministerium sind neuerdings die „Regionalzentren für demokratische Kultur“ angesiedelt, für die bislang das Sozialministerium zuständig war.

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