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NPD-Hochburg Löcknitz : Brücke ohne Enden

Sackgasse Löcknitz? Die NPD greift Einzelfälle begierig auf Bild: Lüdecke, Matthias

Löcknitz liegt an der deutsch-polnischen Grenze. Löcknitz ist jung. Löcknitz hat Zuwanderung. Löcknitz hat Perspektiven. Doch die NPD ist hier so stark wie kaum woanders.

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          Die Beschriftung in deutscher und in polnischer Sprache beginnt in Pasewalk. Die Lastkraftwagenfahrer werden auf großen Schildern gebeten, in den Ortschaften Rücksicht auf die Bewohner zu nehmen. Die Fahrer nehmen aber keine Rücksicht. Denn Zeit ist Geld, und bis zur Grenze sind es nur noch wenige Kilometer.

          Frank Pergande

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Löcknitz liegt etwa auf der Hälfte der Strecke zwischen Pasewalk und dem Stadtrand von Stettin. Der Ort gilt heute als Beispiel dafür, wie seit dem Beitritt Polens 2004 zur Europäischen Union und vor allem 2007 zum Schengener Abkommen ein deutscher Ort von der Nähe zu Polen profitiert. Die NPD erreichte bei der jüngsten Landtags- und Kreistagswahl im September hier zwanzig Prozent der Stimmen. Gibt es da einen Zusammenhang?

          Jeder zehnte ist ein Pole

          Löcknitz hat etwa 3000 Einwohner, Tendenz - gegen den Trend in Mecklenburg-Vorpommern - steigend. Wie überall in Vorpommern verlor die Gemeinde seit der deutschen Einheit zwar Hunderte von Einwohnern, vor allem die Jugend. Inzwischen aber haben Polen aus Stettin die Lücken gefüllt. Jeder zehnte Löcknitzer ist inzwischen ein Pole. Sie wohnen vor allem in den Plattenbauten. Einige haben sich aber auch Häuser gemietet oder gekauft. Die Grundstückspreise und Mieten liegen weit unter denen der Großstadt Stettin.

          Euro-Bistro: Die Polen beleben das Geschäft

          Vor zwei Jahren, zur Kommunalwahl 2009, hatte die NPD plakatiert: „Poleninvasion stoppen!“ Das Verfassungsgericht stufte die Plakate damals als „verfassungswidrig“ ein. In diesem Jahr vermied die NPD im Wahlkampf solche Propaganda. Aber die Partei war dennoch allgegenwärtig. Ihre Plakate hingen überall, ungeachtet der auch in Löcknitz geltenden Vorgaben für Wahlplakate. Der Schweriner Verfassungsschutz spricht von einem „professionellen Wahlkampf“ der NPD. 80.000 Plakate sollen insgesamt im Land geklebt worden sein.

          Grenznähe als Lebensnerv

          Entlang der Grenze zu Polen hat die Partei ihre besten Ergebnisse erzielt. In Koblentz, einem Dorf mit 200 Einwohnern, kam sie auf 33 Prozent. Der Fall machte Schlagzeilen. So wie 2006 das ebenso kleine Dorf Postlow, das damals Spitzenreiter für die NPD war. Auch in Löcknitz sind die Wahlergebnisse der NPD schon seit Jahren hoch.

          Für Löcknitz ist die Grenznähe Lebensnerv. Deutsche kommen hierher, die noch immer glauben, in Polen preiswerter einkaufen zu können. Hierher kommen aber auch die Polen - zum Einkauf auf deutscher Seite. Viele bleiben hier, arbeiten hier, zahlen Steuern. Wie Artur Sobejko, der beliebte Arzt für Allgemeinmedizin aus der Chausseestraße. Andere fahren jeden Tag zur Arbeit nach Stettin. Fünf Mal am Tag fährt der Bus von Löcknitz nach Stettin und zurück. Der deutsche und der polnische Nahverkehr teilen sich das Angebot. Löcknitz liegt günstig an der Bahnstrecke zwischen Lübeck und Stettin.

          Von der Popularität genervt

          Die Polen beleben das Geschäft. Bogdan Wernecki heißt der Inhaber des größten Arbeitgebers in Löcknitz. Seine Firma Train Electric arbeitet als Zulieferer für die Bahn. Der Löcknitzer Bürgermeister schickt jeden, der sich für die deutsch-polnischen Kontakte interessiert, zu Wernecki. Und das sind viele, deutsche Fernsehsender, polnische, die BBC war auch schon da. Wernecki ist von der Popularität genervt: „Ich habe dem Bürgermeister schon so oft gesagt, ich will das nicht. Der schickt mir ganze Busladungen.“

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