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Rechtsextremismus : Wer sind die hässlichen Deutschen?

  • -Aktualisiert am

Anschlag auf eine Lebenshaltung: abgebrannte Scheune auf einem Forsthof in Jamel in Mecklenburg-Vorpommern, wo ein für seinen Einsatz für Demokratie und Toleranz bekanntes Ehepaar lebt Bild: dpa

Hässliche Spuren der DDR, eingebrannt in die Gene ihrer Bewohner: So erklären manche Politiker im Westen eine vorgeblich nur im Osten vorhandene Fremdenfeindlichkeit. Wenn sie sich da mal nicht irren.

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          Wöchentlich steigende Flüchtlingszahlen; Notquartiere in Turnhallen, Kasernen, Gemeindehäusern; Brandanschläge auf Übergangsheime; zerstörte Willkommensplakate („Offene Grenzen – offene Herzen“); Schlägereien in völlig überfüllten Flüchtlingsunterkünften; genervte Anwohner, überforderte Behörden, die von „unglaublicher Naivität“ der Neuankömmlinge berichten, die über das Leben im Westen völlig falsch informiert seien. Deutschland im Spätsommer 2015? Nein. So wurde im Januar 1990 über die Lage in Westdeutschland nach dem Fall der Mauer geschrieben.

          Ein Vierteljahrhundert später ist ganz Deutschland mit einer ähnlichen Lage konfrontiert, nur dass die Ostdeutschen heute auf der „anderen“ Seite stehen und mit den Asylbewerbern quasi auf ein Spiegelbild ihrer selbst treffen. Umso unverständlicher sind Bilder wie aus Tröglitz, Freital, Heidenau. Fremdenhass gebe es nicht nur in ihren Ländern, beteuern die Ost-Ministerpräsidenten, doch im „Septembermärchen“ (Katrin Göring-Eckardt) müssen die Ostdeutschen die Rolle der Bösewichte übernehmen. „Wir im Westen“, sagte der rheinland-pfälzische Innenminister Roger Lewentz (SPD) diesen Bösewichten, seien schließlich mit Migration groß geworden. „Wir“ hätten Migranten zumeist als Bereicherung wahrgenommen.

          Genetische Anfälligkeit für Rechtsextremismus

          Abgesehen davon, dass die Gastarbeiter recht lange warten mussten, bis sie zu diesem westdeutschen „Wir“ gehören durften, müssen sich auch die Ostdeutschen durch solche Äußerungen wie Fremde im eigenen Land behandelt fühlen. Ihnen wird eine quasi genetische Anfälligkeit für Rechtsextremismus unterstellt. Die Jahre der DDR, so kann man in westdeutschen Zeitungen noch immer lesen, hätten hässliche Spuren in mancher „ostdeutschen DNA“ hinterlassen. Die Desoxyribonukleinsäure der Täter, die Anschläge auf Asylbewerber im Westen verüben, scheint dagegen kein deutsches Wässerchen zu trüben.

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          Für Ministerpräsidenten westdeutscher Länder ist der Hinweis auf die Häufigkeit rechtsextremistischer Gewalt im Osten eine willkommene Ablenkung von eigenen Schwierigkeiten. Über die Brandanschläge in dem Bundesland, in dem Minister Lewentz für Sicherheit sorgen soll, hielten sich die Berichte in Grenzen – schließlich passen sie nicht in die politische Vererbungslehre. Welchen Gendefekt sollten denn auch siebzig Jahre Freiheit, Demokratie und Marktwirtschaft bei Menschen hinterlassen, dass sie dazu animieren könnten, Flüchtlingsunterkünfte anzuzünden?

          Keine pauschale Entlastung für den Westen

          Zugegeben: Es ist billig, solcherart einander diese Schandtaten vorzurechnen. Hat der Osten ein Problem mit Fremdenhass? Ja, das hat er. Hat der Westen kein Problem damit? Nein, das hat er nicht. Ganz Deutschland hat ein Problem mit Rechtsextremismus. Oder stammen Hasskommentare im Internet, auch unter den Texten dieser Zeitung, stammen Beleidigungen und Hetze gegenüber Redakteuren, Moderatoren und Politikern, stammen hasserfüllte E-Mails und Anrufe in der SPD-Zentrale nach Sigmar Gabriels Heidenau-Besuch allesamt oder auch nur überwiegend aus dem Osten?

          „Wir sind ein Land. Wir sind 25 Jahre ein Land“, antwortete Angela Merkel, als sie auf das Thema angesprochen wurde. Zweifellos äußert sich der Rechtsextremismus im Osten des Landes sichtbarer und unverhohlener, während im Westen, siehe Hamburg oder Stuttgart, schon mal saubere Rechtsanwälte eingeschaltet werden, um Flüchtlingsheime vor der eigenen Haustür zu verhindern. Warum die einen so, die anderen so sind, lässt sich vielleicht mit der DDR und mit der Bundesrepublik erklären. Es sollte aber nicht dazu dienen, den Westen pauschal zu entlasten und Ostdeutschland so pauschal zu verklagen wie sonst nur die Staaten Osteuropas.

          Die Schläger von Heidenau waren zum Großteil junge Männer, die nicht in der DDR, sondern in der Bundesrepublik Deutschland geboren und aufgewachsen sind. Heute sitzen diese Männer vielfach ohne Perspektive in Ost-Kleinstädten oder auf dem Land unter ihresgleichen. Wer gut ausgebildet und mobil ist – und das sind die meisten –, zieht fort oder pendelt; vier Millionen Menschen haben die neuen Länder seit 1990 verlassen.

          Mehr Aufmerksamkeit für Flüchtlinge als für Einheimische?

          Zurück bleiben die Alten, die manchmal noch ganz jung sind, aber keine Stelle und keine Lebensperspektive mehr finden, die auch nicht von Kirchen, Vereinen, Parteien, wie man das im Westen gewohnt ist, aufgefangen werden. Asylbewerber sind in dieser Welt die Eindringlinge, denen mehr Anerkennung und Aufmerksamkeit geschenkt wird als den Ostdeutschen, die Angst vor weiterem Abstieg und Wut auf Politiker wecken. Das greift die NPD gerne auf.

          Politik und Behörden schauten zudem speziell in Sachsen der Ausbreitung rechtsextremer Strukturen zu lange zu. Konsequente Strafverfolgung fand nicht statt. Erfolg haben die Rechtsextremen auch, nicht obwohl, sondern gerade weil es im Osten kaum Ausländer gibt. Nur so lassen sich Ängste schüren. In Orten, wo seit einer Weile Asylbewerber wohnen, klappt das Zusammenleben in der Regel gut. Nicht alles aber lässt sich systembedingt oder durch politische Geographie erklären. Charakterschwäche und menschliche Abgründe gibt es überall. Sie zeigt sich nur anders.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

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