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Fremdenfeindlichkeit : Jagdszenen in Bautzen

  • -Aktualisiert am

Schon am Samstag war es bei Demonstrationen von linken und rechten Gruppierungen auf dem Kornmarkt in Bautzen zu Spannungen gekommen. Bild: dpa

In Bautzen ist die Gewalt zwischen Asylbewerbern und Einheimischen eskaliert. Stadt und Landkreis wollen nun durchgreifen - unter anderem mit einer Ausgangssperre für minderjährige Flüchtlinge.

          Es war eine Eskalation mit Ansage, denn schon in den vergangenen Tagen hatte sich auf dem Kornmarkt, dem Tor zur Bautzner Altstadt, ein übles Gemisch aus Alkohol, Pöbeleien, Beleidigungen und immer häufiger auch Handgreiflichkeiten zusammengebraut. Er sei entsetzt und sehr besorgt darüber, wie sehr sich die Lage zugespitzt habe, hatte Bautzens Oberbürgermeister Alexander Ahrens (parteilos) noch am Mittwoch erklärt, die zunehmende Gewalt verurteilt und Gegenmaßnahmen angekündigt: Mehr Kontrollen, mehr Polizei und mehr Streetworker zur Prävention. „Die Bautzner müssen wieder ohne Angst den Kornmarkt nutzen können“, sagte Ahrens. Doch was sich dann nur wenige Stunden später in der Nacht zum Donnerstag auf eben jenem Platz und in der Innenstadt ereignete, dürfte die Angst nur noch vergrößert haben.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Gegen 20:50 Uhr meldeten mehrere Anrufer per Notruf bei der Polizei, dass es auf dem Kornmarkt zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen Einheimischen und Asylbewerbern komme. Die Polizei mobilisierte daraufhin alle verfügbaren Kräfte und erreichte mit einem Großaufgebot den Platz, wo bereits tumultartige Szenen herrschten. Auf einer Pressekonferenz am Donnerstag erklärte der Leiter des Polizeireviers Bautzen, Uwe Kilz, dass sich am Abend zuvor rund 80 „augenscheinlich gewaltbereite“ junge Männer und Frauen, davon viele aus dem politisch rechten Spektrum und zum Teil stark alkoholisiert, „zusammengerottet“ und Parolen gebrüllt hatten, wonach Bautzen und der Kornmarkt den Deutschen gehörten. Bald darauf sei es zu tätlichen Auseinandersetzungen mit einer Gruppe aus 15 bis 20 sogenannten unbegleiteten minderjährigen Asylbewerbern gekommen, die ebenfalls auf dem Platz waren und nun Steine, Bierflaschen und Holzlatten auf die Gegenseite warfen.

          Den Beamten gelang es zwar, beide Lager zu trennen, allerdings wurden sie nun ihrerseits von Flüchtlingen mit Flaschen und Holzlatten beworfen. Die Polizei setzte daraufhin Pfefferspray und Schlagstöcke ein, im weiteren Verlauf lösten sich sowohl aus der Gruppe der Einheimischen wie auch der Asylbewerber kleine Gruppen, wobei die Deutschen nun Flüchtlinge durch das Zentrum jagten. Auf im Internet veröffentlichten Handyvideos sind rennende und schreiende Menschen zu sehen. Als ein Mann „Wir sind das Volk!“ brüllt, stimmen andere ein. Es sind nicht viele, aber in der Straßenschlucht hallte der einstige Revolutionsruf wie eine unverhohlene Drohung wider.

          Polizeibeamte sichern das Umfeld einer Asylbewerberunterkunft in Bautzen

          Während sich die Flüchtlinge in eine ihrer Unterkünfte jenseits der Altstadt zurückzogen und Ausgehverbot erhielten, hätten einige der Deutschen versucht, das Gebäude zu stürmen. Dabei warfen sie laut Kilz auch Steine auf Autos unbeteiligter Bürger sowie auf einen Rettungswagen, den die Einsatzkräfte für einen verletzten 18 Jahre alten Marokkaner angefordert hatten. Wodurch dieser verletzt wurde, war bis zum Donnerstag noch unklar. In einem zweiten Versuch gelang es den Rettungskräften schließlich unter Polizeischutz, bis zur der Asylbewerberunterkunft vorzudringen. Polizeichef Kilz sprach am Donnerstag von einer „zeitweilig chaotischen Lage“, welche die Beamten jedoch bis 23:30 Uhr in den Griff bekommen hätten. „Danach waren Ruhe und Ordnung wiederhergestellt.“

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