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NSU : Dunkle Geheimnisse eines Nazis

Im Umfeld des NSU gibt es eine Person, der man den Kindesmissbrauch nachgewiesen hat: dem früheren V-Mann des thüringischen Verfassungsschutzes Tino Brandt. Seit den frühen neunziger Jahren war er in der rechtsextremistischen Szene aktiv, gründete damals die Organisation „Thüringer Heimatschutz“. Aus dieser Zeit kennt er auch Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt. Im Dezember 2014 wurde Brandt vom Landgericht Gera wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen, Beihilfe zu sexuellem Missbrauch und Förderung von Prostitution in 66 Fällen zu fünfeinhalb Jahren Haft verurteilt. Er hatte nicht nur selbst Geschlechtsverkehr mit minderjährigen Jungen, in der Mehrzahl der Fälle hatte er die Kinder und Jugendlichen gegen „Provision“ an andere Erwachsene vermittelt. Das hatte er vor Gericht gestanden, weshalb er mit einer geringeren Strafe davonkam.

Weitere Verdächtige

Nach Angaben des Gerichts hatte Brandt zu den aus prekären Verhältnissen stammenden Opfern freundschaftliche Beziehungen aufgebaut und gepflegt, teilweise die Kinder in seinem Auto zu den Freiern gefahren. Die Staatsanwaltschaft hatte Anklage in 156 Fällen erhoben, das Gericht konzentrierte sich auf die schwereren Fälle und stellte die anderen ein. Nach Informationen der „Stuttgarter Nachrichten“ hatte die Polizei in Suhl 2009 Hinweise erhalten, dass Brandt gemeinsam mit dem V-Mann „Küche“ einen Zuhälterring betreibe, der vor allem rumänische Jungen an Pädophile vermittelte.

Der NSU-Prozess vor dem Oberlandesgericht München wird auch nach den neuen Erkenntnissen im Fall Peggy zunächst weiterlaufen wie bisher.

Um pädophile Zusammenhänge, wenn auch nicht in Verbindung mit Tino Brandt, ging es auch bei den Ermittlungen im Fall Peggy K. – und das schon vor den neuen Entwicklungen. So hatte die Polizei auch das Haus eines Bewohners in Lichtenberg durchsucht. Der Frührentner war wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern vorbestraft. Das Landgericht Hof verurteilte ihn 2008 zu einer dreijährigen Freiheitsstrafe, weil er seine Enkelin und sein Patenkind missbraucht hatte. Die Taten sollen sich in etwa zu der Zeit zugetragen haben, in der Peggy K. verschwand.

Hinweise fehlen bisher

Als Tatverdächtiger galt außerdem Holger E. aus Halle in Sachsen-Anhalt, der 2001 ein enger Freund von Peggys Familie gewesen sein soll. Holger E. verbüßt eine sechsjährige Haftstrafe, weil er seine noch nicht einmal drei Jahre alte Tochter missbraucht und dabei gefilmt hatte. Außerdem soll er die neun Jahre alte Tochter seines Halbbruders in Lichtenberg missbraucht haben. Auch dieser geriet ins Visier der Polizei, weil sich sein Alibi nicht bestätigte. Keinem der Verdächtigen konnte jedoch eine Verbindung zum Fall Peggy nachgewiesen werden.

Der NSU-Prozess vor dem Oberlandesgericht München wird auch nach den neuen Erkenntnissen im Fall Peggy zunächst weiterlaufen wie bisher. Noch fehlt es an einem Hinweis darauf, dass der Mordfall dem NSU zuzuordnen ist. Selbst wenn sich herausstellen sollte, dass Böhnhardt der Mörder von Peggy ist, hieße das noch nicht, dass Zschäpe und Mundlos daran beteiligt waren oder auch nur davon wussten. Anhaltspunkte für einen politischen oder terroristischen Hintergrund der Tat fehlen bisher – es ist sogar so, dass der Mord an Peggy keine erkennbaren Gemeinsamkeiten mit den anderen Morden aufweist. Sollte sich aber ein Zusammenhang zum Terror herausstellen, könnte der Generalbundesanwalt diese Tat ebenfalls verfolgen und dem NSU-Prozess als weiteren Anklagepunkt hinzufügen. Das würde den Prozess, der sich dem Ende zuzuneigen schien, noch einmal verlängern.

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