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Angriffe auf Sorben : Alter Hass in neuen Kleidern

  • -Aktualisiert am

Heimatverbunden: Ein sorbisches Folkloreensemble zeigt Volkstänze in der Lausitz Bild: Imago

Immer wieder wurden in der Oberlausitz in der letzten Zeit Sorben angegriffen. Jetzt hat die Polizei mehrere Verdächtige gefasst. Woher kommt, nach Jahrzehnten des Friedens, diese Feindschaft?

          5 Min.

          Einmal im Jahr kommen die Absolventen des sorbischen Gymnasiums Bautzen zum Abituriententreffen zurück in ihre Heimat. Gut 500 einstige Schüler pilgerten dieses Mal wieder in die Bautzener Stadthalle „Krone“. Aber rund um den Veranstaltungsort fuhren Polizisten Streife, im Saal gab es deutlich mehr Sicherheitspersonal als sonst, und jeder Teilnehmer erhielt zu Beginn am Einlass ein Armbändchen als Zeichen der Unbedenklichkeit.

          Stefan Locke
          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Der Sicherheitsaufwand hatte mit den vorangegangenen Wochen und Monaten zu tun, als immer wieder gezielt sorbische Jugendliche beschimpft, bedroht und angegriffen worden waren. „Das hat Sorben und Deutsche gleichermaßen aufgeschreckt“, sagt Diana Paulik, die bis zum vergangenen Jahr Vorsitzende des sorbischen Jugendvereins „Pawk“ war. Auch Angehörige ihrer Familie waren bei einer der Veranstaltungen gewesen, auf der es Angriffe gab. Danach verstanden sie wie viele andere Sorben die Welt nicht mehr: Was sollen Einschüchterung, Drohgebärden und Gewalt, nachdem man bisher fast immer friedlich miteinander gelebt hatte?

          An die Öffentlichkeit gelangte das Geschehen mit dem Leserbrief eines Jugendlichen, der in der sorbischen Tageszeitung „Serbske Nowiny“ schilderte, wie Mitte Oktober bei einer Disko des Sorbischen Gymnasiums Bautzen in Schönau „etwa 15 rechtsextrem ausgerichtete Jugendliche“ aufgetaucht seien: „Auf dem Flur haben sie jeden beobachtet und gelauscht, wo Sorbisch gesprochen wurde. Auf dem Weg zum Auto grölten sie dann sorbenfeindliche Parolen.“ Anschließend hätten die Täter, die sich inzwischen Sturmhauben übergezogen hatten, gegen die Scheiben getrommelt und an den Türen der Autos gerüttelt, in denen die jungen Sorben flüchteten, was „im letzten Augenblick gelang“.

          Die Täter sind bereits bei Pegida und anderen Protesten aufgefallen

          Ähnliche Vorfälle hatte es auch in anderen Orten des sorbischen Siedlungsgebiets um Bautzen gegeben. Das Muster war dabei stets das gleiche: Die meist komplett schwarz gekleideten Täter forschten aus, wer sorbisch spricht, griffen dann maskiert an und schlugen dabei mehrfach sorbische Jugendliche zusammen. Die Betroffenen selbst reden heute nicht mehr darüber, nur wenige von ihnen erstatteten damals Anzeige.

          Das Operative Abwehrzentrum (OAZ), die Spezialeinheit der sächsischen Polizei gegen Rechtsextremismus, ermittelt seitdem wegen Körperverletzung, Nötigung, Bedrohung und Beleidigung. Der Leiter des OAZ, der Leipziger Polizeipräsident Bernd Merbitz, hatte damals bei einem Besuch in Bautzen klargemacht, wie ernst ihm die Angelegenheit ist. Die Verantwortlichen, so sagte er öffentlich, sollten sich „warm anziehen“. Die klare Stellungnahme ermutigte weitere Jugendliche, die ähnliche Erfahrungen gemacht hatten, zur Polizei zu gehen. Viele der Geschädigten seien „massiv eingeschüchtert“ gewesen und hätten im Falle einer Aussage „Racheakte“ befürchtet, sagt Merbitz.

          Die Ermittler hörten mehr als 20 Zeugen, im März nun führte die Fahndung zu einem ersten Erfolg. Das OAZ teilte auf Anfrage dieser Zeitung mit, dass sieben Tatverdächtige im Alter zwischen 18 und 21 Jahren gefasst seien. Nähere Angaben machten die Beamten aus ermittlungstaktischen Gründen nicht; allerdings seien die mutmaßlichen Täter keine Unbekannten, im Gegenteil, sie seien auch bei rechtsextremen Demonstrationen, bei Pegida sowie bei den Auseinandersetzungen um das „Spreehotel“ in Bautzen aufgefallen. In dem zur Asylbewerberunterkunft umgewidmeten Haus sind seit Juli 150 Flüchtlinge untergebracht, dort kommt es immer wieder zu ausländerfeindlichen Protesten.

          Kleine Beleidigungen im Alltag

          Dass die Täter wohl gefasst sind, mag beruhigen, die Gewalt aber verunsichert viele Sorben nach wie vor. „Tätliche Angriffe in dieser Form hat es weder im Sozialismus noch in den Jahren nach der Wende gegeben“, sagt Jan Nuck, der bis 2011 Vorsitzender des Bundes der Sorben, „Domowina“, war. Allerdings hätten in den vergangenen Jahren sorbenfeindliche Tendenzen stark zugenommen. Mal wurde auf eine Straßenbrücke „Sorben raus“ oder an eine Hauswand „Hooligans gegen Sorben“ gepinselt, immer wieder werden Kruzifixe am Wegesrand zerstört und seit dem vergangenen Sommer vermehrt auch sorbische Ortsbezeichnungen auf zweisprachigen Straßenschildern durchgestrichen oder übermalt; in einem Fall wurde ein Hakenkreuz aufgesprüht.

          Gewalt und Schmierereien wecken vor allem bei älteren Sorben grausame Erinnerungen, hatten doch die Nationalsozialisten den Gebrauch der sorbischen Sprache in der Öffentlichkeit sowie alle sorbischen Vereine verboten, die sorbische Intelligenz verhaftet und in Konzentrationslager gesteckt. Der SED wiederum galten die Sorben als „Vorzeige-Minderheit“, deren Kultur und Sprache zwar gefördert wurden, die aber mit der Kollektivierung der Landwirtschaft vielfach ihre Höfe und mit den sich in die Lausitzer Landschaft fressenden Braunkohletagebauen oft auch ihre Heimat verloren.

          Heute gibt es Schätzungen zufolge noch 60.000 Sorben in Deutschland, zwei Drittel davon leben in der sächsischen Oberlausitz, ein Drittel hat seine Heimat in der Niederlausitz in Südbrandenburg. Sie sind deutsche Staatsbürger, überwiegend katholischer Konfession und als nationale Minderheit anerkannt. Kleinere Probleme im Miteinander habe es immer gegeben, sagt Jan Nuck. Er zählt dazu Sprüche wie „Du, Sorbe, sei ruhig!“, die ab und an in der Lehre, am Arbeits- oder auf dem Fußballplatz fielen. „Beleidigungen aufgrund der Herkunft treffen eben am tiefsten, wir sind da sehr sensibel.“

          Osterreiten und Hexenbrennen sind auch bei Deutschen beliebt

          Auch Alfons Rycer kennt diese Sticheleien. „Wenn ich mich am Telefon auf Sorbisch melde, fällt schon mal der Satz: ‚Wir sind doch hier in Deutschland!‘“, erzählt der Vorsitzende des Verwaltungsverbandes „Am Klosterwasser“, eines Zusammenschlusses von fünf überwiegend sorbischen Gemeinden bei Kamenz. Rangeleien zwischen Jugendlichen habe es früher auch gegeben. Damals seien „Halbstarke“ aus umliegenden Kleinstädten gekommen, um zu provozieren, was auch mal in Schlägereien ausgeartet sei. „Das waren spontane Aktionen“, sagt Rycer. Dabei sei es auch mal um Mädchen gegangen, die jüngsten Angriffe jedoch richteten sich gezielt gegen Sorben.

          Rycer, der selbst zwei Söhne im Jugendalter hat, sagt, dass er dennoch keine generelle Sorbenfeindlichkeit sehe. Einer seiner Jugendfreunde ist Stanislaw Tillich, Sachsens Ministerpräsident und selbst Sorbe. Tillich sagt, dass Sorben und Deutsche seit mehr als 1000 Jahren friedlich zusammenlebten und die Angriffe „von keinem toleriert“ würden.

          Nicht wenige Oberlausitzer stehen der Gewalt erschrocken gegenüber. „Unter Freunden und Nachbarn sind Entsetzen und Anteilnahme groß“, sagt Diana Paulik, die wie Tillich und Rycer aus Panschwitz-Kuckau stammt, das zwischen Bautzen und Kamenz liegt. Auch eines ihrer Familien-Kruzifixe wurde beschädigt. „Dabei habe ich mich nie diskriminiert gefühlt, es gibt hier auch keine krasse Teilung zwischen Sorben und Deutschen“, sagt sie. „Wir sind in erster Linie Panschwitzer, und viele Deutsche nehmen selbstverständlich an sorbischen Bräuchen wie Osterreiten und Hexenbrennen teil.“

          „Regionalentwicklung wird buchstäblich mit Füßen getreten“

          Tatsächlich seien Unterstützung und Zuspruch auch von deutscher Seite groß, sagt der Vorsitzende der Domowina, David Statnik. „Das ist für mich die gute Nachricht: Es gibt noch Zivilcourage.“ Andererseits wertet er die Übergriffe auch als Ausdruck „einer generellen gesellschaftlichen Unzufriedenheit“. Der ländliche Raum in Ostsachsen blute aus, die Arbeitslosigkeit sei hoch, die Jugend habe wenig Perspektiven, da würden schon mal Sündenböcke gesucht.

          „Die Lausitz ist zweisprachig, sie ist unser gemeinsamer Schicksalsraum“, sagt Statnik. „Wir leben hier, und wir müssen sie gemeinsam schützen.“ Der Umgang mit den Übergriffen wird auch bei der Hauptversammlung der Domowina an diesem Wochenende eine Rolle spielen. Der Schaden jedenfalls sei jetzt schon ein doppelter. „Da ist das persönliche Leid“, sagt Statnik. „Aber auch die Regionalentwicklung wird buchstäblich mit Füßen getreten.“ Wirtschaft, Tourismus, all das, was gerade die Oberlausitz dringend braucht, gerate durch Angriffe auf Ausländer wie auf Sorben in Gefahr.

          In letzter Zeit gab es immerhin keine neuen Übergriffe. Doch ein genereller Frieden sei noch nicht wieder eingekehrt, sagt Statnik. Wie stabil die Lage auch nach Ermittlung der mutmaßlichen Täter ist, könnte sich schon jetzt im Frühjahr zeigen, wenn es wieder häufiger Veranstaltungen sorbischer Jugendlicher gibt. Die Polizei hat bereits angekündigt, verstärkt Streife zu fahren. Und OAZ-Ermittler Merbitz versichert, weiter ein Auge auf die rechtsextreme Szene zu werfen: „Ich werde es nicht hinnehmen, dass in Sachsen Menschen diskriminiert oder gewalttätig angegriffen werden.“

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