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Alternative für Deutschland : Die völkische Bewegung stellt sich vor

  • -Aktualisiert am

„Linksfaschistische Propaganda in der F.A.Z.“: So lautet die Einschätzung der AfD zum Kommentar „Die neue völkische Bewegung“ des für den politischen Teil der F.A.S. verantwortlichen Redakteurs Volker Zastrow. Bild: Facebook/AfD

Die F.A.S. hat einen Kommentar zu AfD und Pegida publiziert; die AfD veröffentlichte ihn auf ihrer Facebook-Seite. In den folgenden Stunden und Tagen sammelten sich unter dem Facebook-Eintrag der AfD mehr als 740 Leserkommentare. Die meisten wutberauscht. Sie lesen sich wie Beweise für die These, die sie entkräften wollen.

          In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung erschien ein Kommentar mit dem Titel „Die neue völkische Bewegung“. Verfasst hatte ihn der für den politischen Teil verantwortliche Redakteur, Volker Zastrow. Am Sonntagnachmittag stellte die Online-Redaktion der F.A.Z. den Artikel frei zugänglich ins Netz. Am nächsten Tag reagierte die neue völkische Bewegung.

          Die „Alternative für Deutschland“ veröffentlichte auf ihrer offiziellen Facebook-Seite einen neuen Eintrag. Er besteht aus einer Grafik und einem kurzen Textbeitrag. Die Grafik zeigt das Logo der AfD, darüber steht in weißer Schrift auf AfD-blauem Grund: „Linksfaschistische Propaganda in der f.a.z.“

          Der Text dazu fordert, die Frankfurter Allgemeine Zeitung solle sich schämen, einen Artikel wie den von Zastrow zu veröffentlichen. Dieser schreibe „ganz offensichtlich aus seiner hasserfüllten Position jenseits der Realität“. Und: „DAS sind die wahren Brandstifter, die voller Hass auf Andersdenkende keinerlei Scheu haben, demokratische Parteien und Bürger anzuprangern.“ Weiter heißt es: „DAS sind die Typen, die Ursache für viele Ausschreitungen und Angriffe auf Menschen und deren Büros/Wohnungen/Fahrzeuge sind, nur weil sie nicht die gleiche Meinung wie sie vertreten.“

          Am Ende des Textes steht der Link zum F.A.S.-Kommentar. Wenige Stunden nachdem das auf Facebook erschienen war, meldete sich Frauke Petry zu Wort. Sie ist die Bundessprecherin der AfD. Auf ihrem Twitter-Account hieß es: „Neu in der F.A.Z.: Hass & Hetzjournalismus auf niedrigstem Niveau.“ Dazu die Grafik von der Facebook-Seite und der Link dorthin. Außerdem der Hashtag „Pinocchio-Presse“. Das finden Leute lustig, die „Lügenpresse“ ernst meinen.

          In den folgenden Stunden und Tagen sammelten sich unter dem Facebook-Eintrag der AfD mehr als 740 Leserkommentare. Die meisten wutberauscht. Diese Wut war auch Thema des F.A.S.-Kommentars gewesen, der die These aufstellte, in Deutschland habe sich um AfD und Pegida eine neue völkische Bewegung gebildet. Sie sei voller Hass auf Fremde und Andersdenkende. Die Kommentare auf der AfD-Facebook-Seite lesen sich wie Beweise für die These, die sie entkräften wollen.

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          Gewalt gegen Menschen wird als folgerichtig betrachtet

          So setzen sich einige Kommentatoren mit Zastrows Beobachtung auseinander, die Atmosphäre auf den Demonstrationen von AfD und Pegida sei gewaltgeladen. Das zeige unter anderem ein Video, das einen Übergriff auf eine ZDF-Reporterin dokumentiere. Auf der Facebook-Seite der AfD kommentiert der Nutzer Günter Heinzelmann: „Ich sehe dort in dem Video eine Mitarbeiterin des ZDF die nachdem sie lange sehnlichst um eine Tracht Prügel gebettelt hatte dann endlich wenigstens ,geschubst‘ worden ist weil sie sich absichtlich den Demonstrierenden in den Weg gestellt hat.“ Er verlinkt ein Youtube-Fußballvideo mit dem Titel „Die dümmste Schwalbe des Jahrtausends!!!“

          Auch andere betrachten Gewalt gegen Menschen als logische Folge unerwünschter Wortmeldungen. Markus Gemünd schreibt, er habe den F.A.S.-Artikel nicht zu Ende gelesen: „Aber solche leute die so nen müll von sich geben wundern sich noch wenn die auf ner pegida demo wat auf’s gesicht kriegen.“ Jürgen Seibert wünscht einem Facebook-Nutzer, der ihn kritisiert: „Und sie sind einer der nach Syrien deportiert werden sollte.“

          Die AfD-Sympathisanten bestätigen in ihren Facebook-Kommentaren auch die im Artikel geäußerte Einschätzung, viele von ihnen seien Andersdenkenden gegenüber nicht gerade tolerant. Kai Greger fordert seine Mitstreiter auf: „Volker Zastrow. Das sagt alles. Merkt Euch den Namen.“ Mike Peters wird deutlicher: „Und ja, du LÜGNER nach Nazi-Manier gehörst eines Tages dafür gerichtet.“

          Unpopulär ist unter den Kommentatoren die Auffassung, Journalisten dürften auch Ansichten äußern, die von den Ansichten der Kommentatoren abweichen. Zeitungen, die derlei zulassen, werden „diese Staatseigenen Propaganda-Schmierblätter“ genannt (Rüdiger Böhnsch), „Systempresse“ (Bernd Kroemer) oder „die Hure von CIA und BND“ (Heinz Noeller). Viele Nutzer auf der AfD-Facebook-Seite brüsten sich damit, keine Zeitungen mehr zu lesen; als Alternative wird „selber denken“ angegeben.

          Ein Kommentar lautet: „Deutschland wird auch die BRD überleben!“

          Wenn allerdings Informationen aus einem Zeitungsartikel ins eigene Weltbild passen, ist den Zeitungen zu trauen. Wie das geht, macht AfD-Sprecherin Petry vor. Einen Tag bevor über ihren Twitter-Account der F.A.S.-Artikel mit „Pinocchio-Presse“ kommentiert wurde, war dort noch ein F.A.Z.-Bericht über Details der Syrien-Mission der Bundeswehr verlinkt worden. Dazu die Fragen: „Verfassungsrechtlich konform? Afghanistan Déjà-vu?“ Petrys Follower verbreiteten den Artikel gerne weiter.

          Die neue völkische Bewegung wehrt sich gegen den Eindruck, sie liebäugele mit dem Extremismus; im F.A.S.-Artikel wurde etwa auf die anspielungsreichen Flaggen und Symbole hingewiesen, die auf Pegida-Demos gezeigt werden. Das sei „Hetze“. Doch die Kommentare auf der Facebook-Seite der AfD sprechen eine andere Sprache.

          Dort postet Rene Kruschewski ein Foto, das eine blonde Frau zeigt mit einem blonden Kind. Auf dem Bild steht in altdeutscher Schrift: „Deutschland wird auch die BRD überleben!“ Verbreitet ist unter den Kommentatoren die Meinung, Deutsche lebten derzeit keineswegs in einem demokratischen Staat, sondern in einer Diktatur. Deren Ende wird von manchen erst für den Tag erwartet, an dem die AfD die Macht erlangt.

          So führt die neue völkische Bewegung sich selbst vor. Das dokumentieren wir hier in Auszügen. Alle Kommentare sind auf der Facebook-Seite der AfD erschienen, alle unter dem Eintrag, der auf den F.A.S.-Artikel verweist. Bis Redaktionsschluss am Samstagnachmittag war keiner der hier erwähnten und abgebildeten Kommentare gelöscht worden. Die AfD schreibt auf Facebook zu der Frage, welche Nutzerkommentare sie duldet: „Wir lassen hier alles stehen, was nicht beleidigend ist oder sonst irgendwie gegen unsere Netiquette verstößt.“

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