https://www.faz.net/-gpf-sjbr

Rechtsextremismus : Zwischen Kultur und Fremdenhaß

  • -Aktualisiert am

Preußisches Idyll: „Für die Rechten leider ein Glücksfall” Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Einst würdigte Kurt Tucholsky die preußische Idylle Rheinsberg. Nun müssen sich die Bürger in der Mark Brandenburg wehren gegen rechte Gewalt. Der Ort lebt vom Tourismus, für viele gilt es als „Rufmord“, zur „No-Go-Area“ erklärt zu werden.

          4 Min.

          „Wir sind doch keine Kannibalen hier!“ Die Stimme der Frau mit den roten Haaren und der modischen Brille bebt, als sie den Satz ausruft. Wie über ihre Stadt geschrieben werde, über Rheinsberg in der Mark Brandenburg, das sei ungerecht, gnadenlos verzerrend. Ihren Namen will sie nicht nennen.

          Es sei sowieso schon viel zuviel geschrieben worden. Hier lebten doch alle vom Tourismus. Auch ihre Familie. Fünf, sechs Reisegruppen hätten schon storniert, seit die ganze Debatte über „No-Go-Areas“ begonnen habe. „Schmierfinken gibt es doch überall. Auch im Westen.“

          Wildwachsender Fremdenhaß

          Die Schmierfinken von Rheinsberg, das ist eine Gruppe rechtsextremer Jugendlicher, manche schätzen sie auf 20, manche auf 50 Personen. Keine hochideologisierten, strategisch agierenden Gruppen, sagen Szene-Kenner. Eher wildwachsender Fremdenhaß, der sich meist spontan und unter Alkoholeinfluß entlädt.

          Aber das geschieht häufig: Menschen, die den Rechtsextremisten zu links sind, wurden zusammengeschlagen, immer wieder werden hier ausländische Restaurants und Geschäfte angegriffen, Scheiben zertrümmert, zuletzt Ende März. Ein türkischer Imbiß wurde allein seit 2003 achtmal attackiert, in der Hälfte der Fälle auch angezündet, im März 2005 brannte er vollständig nieder.

          Bürgerbewegung gegen Rechtsextreme

          Aber Rheinsberg ist auch ein Ort, der sich gegen Rechtsextreme wehrt. Nach den Anschlägen organisierten Bürger Kundgebungen, sie sammelten Geld für die geschädigten Geschäftsleute. Pfarrerin Ilona Kretzschmar-Schmidt organisierte Mahnwachen gegen Fremdenhaß. Sie legt Wert darauf, daß das Engagement der Bürger gewürdigt wird. Zu Unrecht werde Rheinsberg als „No-Go-Area“ gesehen.

          Eigentlich ist der zehntausend Einwohner zählende Ort, anderthalb Autostunden nördlich von Berlin gelegen, der Gegenbeweis für die häßlichen Ost-Geschichten über entwurzelte Gesellschaften und kahlgeschorene Jugendgangs. Rheinsberg steht für eine zauberhaft reizvolle Kulturlandschaft Preußen. König Friedrich Wilhelm I. kaufte den Ort 1734 für seinen Sohn, den späteren Friedrich den Großen, und ließ den Flecken auf Staatskosten restaurieren, samt Wasserschloß am Grienerick-See. Der Schriftsteller Kurt Tucholsky verbrachte hier ein seliges Wochenende und schrieb die Erzählung „Rheinsberg. Ein Bilderbuch für Verliebte“.

          „Rheinsbergs Bekanntheit ist für die Rechten leider ein Glücksfall“, sagt Pfarrerin Kretzschmar-Schmidt. „Der Kontrast zwischen Kultur und Fremdenhaß ist die gefundene Geschichte für die Medien. Darum bleibt nichts unbemerkt, was hier passiert. Und genau das wollen die Neonazis.“ Darum sei es „ein schmaler Grat zwischen Verdrängung und Übertreibung“, wenn man hier gegen Rechtsextremismus kämpfen wolle. Und das wollten viele in Rheinsberg.

          Stelle der Stadt-Jugendpflegerin gekürzt

          Eine davon ist Nadine Pape. Sie ist 17 Jahre alt, hilft mit in der Kirchengemeinde, spielt in einer Band und engagiert sich gegen Fremdenfeindlichkeit. „So die Superpolitische bin ich eigentlich gar nicht“, sagt sie. Aber gegen Rechtsextremismus müsse man eben kämpfen. „Vor allem gegen die Gewalt. Dagegen, daß Leute in unserer Stadt so behandelt werden. Wenn man nichts dagegen tut, dann wird es schlimmer, und dann kann es sich ausbreiten.“ Sie und ein paar Freunde haben sich zusammengetan, um etwas zu tun.

          Jetzt organisieren sie den „Langen Tag der Jugend“: Aktionen, Spiele rund um Toleranz. Man soll etwas lernen können dabei. Das helfe vielleicht gegen die Rechtsextremen. Aber die richtige Strategie kenne sie auch nicht. Die Erwachsenen? Die seien noch hilfloser. „Irgendwie verstehen die nicht so richtig die Jugend allgemein. Sie nehmen auch nicht so ernst, was wir dazu sagen. Was die machen, ist mehr so für außen.“ Es sei auch schlimm, daß die Stelle der Stadt-Jugendpflegerin abgeschafft worden sei.

          Weitere Themen

          Das ändert sich für Verbraucher Video-Seite öffnen

          Klimapaket : Das ändert sich für Verbraucher

          Im Bundestag stehen am Freitag mehrere Gesetze zur Umsetzung des Klimaschutzpakets der Bundesregierung zur Abstimmung. Ein Kernpunkt ist das Klimaschutzgesetz, mit dem für einzelne Bereiche Emissionsziele festgeschrieben werden.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.