https://www.faz.net/-gpf-158ar

Rechtsextremismus-Studie : Im Dunkelfeld der Forschung

  • -Aktualisiert am

Vorwiegend jugendliche Sympathisanten? Demonstration von Rechtsextremisten im Januar in Passau Bild: dpa

Fünf Prozent aller Fünfzehnjährigen sollen Mitglied rechtsextremer Organisationen sein. Doch verglichen mit Erkenntnissen des Verfassungsschutzes scheinen die Zahlen des Kriminologen Hans-Christian Pfeiffer nicht zu stimmen oder überinterpretiert zu sein.

          Mit seiner Behauptung, fünf Prozent aller 15 Jahre alten Jungen seien Mitglieder in rechtsextremen Organisationen, hat der Hannoveraner Kriminologe Hans-Christian Pfeiffer am Dienstag dieser Woche sogar den Bundesinnenminister erschüttert. Schäuble sagte, er sei „erschrocken“. Pfeiffer hatte außerdem den Vergleich aufgestellt, dass mehr Fünfzehnjährige in rechtsextremen Gruppen und Kameradschaften organisiert seien als in politischen Parteien. Das habe eine repräsentative Befragung des von Pfeiffer geleiteten Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen unter 44.000 Neuntklässlern in 61 Städten ergeben.

          Doch ein Vergleich mit den Angaben des Bundesamtes für Verfassungsschutz lässt darauf schließen, dass Pfeiffers Zahlen entweder nicht stimmen oder deren Interpretation zumindest übertrieben ist. Nicht nur Pfeiffer, der für sein kleines, von einem Verein getragenes Institut immerzu auf der Suche nach Drittmitteln für neue Forschungsvorhaben ist, sondern auch das Bundesamt für Verfassungsschutz zählt regelmäßig die Rechtsextremisten im Land: 31.000 Rechtsextremisten in ganz Deutschland verzeichnet der Verfassungsschutzbericht für das Jahr 2007 (die Zahlen für 2008 werden im Mai veröffentlicht).

          21.500 rechtsextreme Fünfzehnjährige in Deutschland?

          Dazu zählt der Verfassungsschutz nicht nur Mitglieder der NPD, der DVU oder einer der 160 namentlich bekannten Kameradschaften, sondern auch „subkulturell geprägte und sonstige gewaltbereite Rechtsextremisten“ ohne formelle Mitgliedschaften, zum Beispiel Skinheads. Nach Auskunft des Statistischen Bundesamtes lebten Ende 2007 in Deutschland 431.000 fünfzehnjährige Jungen. Glaubt man Pfeiffer und seinem Team, wären fünf Prozent von ihnen, also 21.550, rechtsextrem. Von den 31.000 Rechtsextremen im Land wären demnach zwei Drittel 15 Jahre alt?

          Mit dieser Diskrepanz konfrontiert, erklärte Pfeiffer gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung das Problem so: Die Daten der Verfassungsschützer seien mit denen der Wissenschaftler nicht vergleichbar. Denn er und sein Team hätten nach der „informellen Zugehörigkeit zu Freundeskreisen oder Cliquen“ gefragt, die beispielswiese gemeinsam Bier trinken, „rechte“ Musik hören oder auf entsprechende Konzerte gehen, nicht nach der formellen Mitgliedschaft in einer Jugendorganisation der NPD.

          „Mitgliedschaft“ mit oder ohne Unterschrift

          Ihm gehe es um das „Dunkelfeld“, fuhr Pfeiffer fort, wohingegen Polizei und Verfassungsschutz sich mit dem „Hellfeld“ begnügen müssten. Nun hat Pfeiffer in der Auswertung der Studie aber das subjektive Zugehörigkeitsgefühl zu einer solchen Clique mit der durch eine Unterschrift dokumentierten Mitgliedschaft in der Jugendorganisation demokratischer Parteien verglichen und beides in der schriftlichen Auswertung der Studie ausdrücklich „Mitgliedschaft“ genannt. So kam er zu dem Schluss, mit 4,9 Prozent seien genauso viele Jungen „Mitglied“ in einer rechten Kameradschaft wie in einer politischen Partei oder sozialen Organisation wie dem THW oder dem Roten Kreuz (ebenfalls 4,9 Prozent).

          Die antidemokratischen Tendenzen, die Pfeiffer bei den befragten Jugendlichen in großem Ausmaß zu entdecken meinte, stellen sich, mit anderen Zahlen in Bezug gesetzt, als viel weniger alarmierend dar: Die Jugendorganisationen demokratischer Parteien haben in Deutschland zusammen mehr als 200.00 Beitrag zahlende Mitglieder, offen sind sie für Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 14 und 35 Jahren. Die Junge Union verzeichnete zuletzt 130.000 Mitglieder, die Jusos etwa 70.000, die Jungen Liberalen knapp 10.000 und die Grüne Jugend 6500 Mitglieder.

          Millionen Engagierte in Kirchen, Sportvereinen und Umweltschutzorganisationen

          Die katholischen Jugendverbände haben nach Auskunft ihrer Dachorganisation rund 650.000 Mitglieder, hinzu kommen noch die Messdiener; die Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend zählt rund 1,2 Millionen Engagierte. Die Jugendorganisation des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland hat rund 40.000 Mitglieder, die Jugendorganisation des Naturschutzbundes 75.000. Die breiteste Reichweite - und die genaueste Statistik - haben der Deutsche Olympische Sportbund und seine Mitgliedsorganisationen. In der Altersgruppe der 15 bis 18 Jahre alten Jugendlichen waren im vergangenen Jahr 67 Prozent der Jungen und 45 Prozent der Mädchen in Sportvereinen organisiert. Das sagt zwar nichts über ihre politische Meinung, wohl aber darüber, dass sie in der Lage sind, ihre Freizeit in einer Gruppe Gleichgesinnter friedlich zu verbringen.

          Pfeiffer plant nun eine Anschlussstudie, in der er die von ihm entdeckten regionalen Unterschiede in der Ausprägung der „Mitgliedschaft in rechten Freundeskreisen“ untersuchen will. Auf diese Weise wolle er auch die Wirksamkeit von Präventionsprojekten gegen Rechtsextremismus prüfen, sagte er dieser Zeitung. Für diese Studie fehlt ihm noch die Finanzierungszusage des Bundesinnenministeriums.

          Weitere Themen

          Klimaproteste im Braunkohlerevier Video-Seite öffnen

          Sitzblockade an Zugstrecke : Klimaproteste im Braunkohlerevier

          Die Demonstranten wollten mit einer Sitzblockade den Braunkohletransport nahe dem Tagebau Garzweiler behindern. Auch die Brände im Amazonas waren ein wichtiges Thema für die Teilnehmer der Demonstration.

          Topmeldungen

          Am Rande des G-7-Gipfels : Wie es Macron gelang, Trump gnädig zu stimmen

          Der französische Präsident präsentiert sich in Biarritz als Überraschungskünstler: Er hat den erwartet sperrigsten Gipfelteilnehmer vorläufig gezähmt – und scheut dabei nicht vor einem Trick zurück.

          Amazonas-Brände : Warum sind wir so passiv?

          Der Regenwald brennt. Das Foto des erblindeten Ameisenbären in Abwehrstellung ging um die Welt und ist zum Sinnbild geworden. Ein verzweifelter Aufruf von Brasiliens bekanntestem Naturfotografen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.