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Rechtsextremismus : Im Namen der Versammlungsfreiheit

Alle Jahre wieder: Neonazis in Wunsiedel Bild: dpa

Der Aufmarsch von Rechtsextremisten im oberfränkischen Wunsiedel bleibt erlaubt. Der Bayerische Verwaltungsgerichtshof wies die Beschwerde des Freistaats Bayern gegen den „Heß-Gedenkmarsch“ zurück.

          5 Min.

          Wunsiedel bereitet sich auf ein Wochenende im Ausnahmezustand vor. Wieder einmal. Die Einwohner wissen, was kommt: Samstag morgen um halb sieben erreichen die ersten Busse und Autos die oberfränkische Kreisstadt. Glatzköpfige und streng Gescheitelte steigen aus, schwarz gekleidete, meist junge Leute, und nehmen die Stadt ein.

          Susanne Kusicke
          Redakteurin der Politik.

          Erst zu Dutzenden, dann zu Hunderten, dann zu Tausenden werden sie durch ihre Straßen laufen, einen Demonstrationszug bilden, sich zur "Gedenkkundgebung" für Rudolf Heß versammeln. Linke Gegendemonstranten werden Krach schlagen, wo und wie sie können. Mehr als tausend Polizisten werden an den Einfahrtstraßen kontrollieren, nach Waffen und verfassungsfeindlichen Materialien suchen, die Lage in der Stadt beobachten und die Züge auseinander halten.

          Unfreiwillige Gastgeberin

          Über der Stadt werden Hubschrauber kreisen. Fernsehteams werden die Bilder in die Welt senden, und am nächsten Sonntag wird es in vielen Zeitungen stehen: In Wunsiedel hat auch in diesem Jahr wieder eines der größten Neonazi-Treffen in ganz Europa stattgefunden. Die 7000 Bürger von Wunsiedel müssen es ertragen: im Namen der Versammlungsfreiheit.

          Im Rathaus sitzt Bürgermeister Karl-Willi Beck (CSU) und redigiert eine Zeitungsanzeige, die an diesem Samstag in der regionalen Presse erscheinen soll. Darin distanziert sich die Stadt von dem rechtsextremen Auftrieb - sie ist unfreiwillig zur Gastgeberin geworden, seit Rudolf Heß hier begraben liegt.

          Akt der Barmherzigkeit

          Vor seinem Selbstmord am 17. August 1987 im Kriegsverbrechergefängnis der Alliierten in Berlin-Spandau hatte der Stellvertreter Hitlers gebeten, in Wunsiedel beigesetzt zu werden. Heß hatte zwar nie hier gelebt, sondern ein paar Dörfer weiter, aber in Wunsiedel liegt die Familiengrabstätte. Der damalige Kirchenvorstand hatte der Bitte entsprochen, nach Matthäus 25,40: "Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan."

          "Für uns war es ein Akt der Barmherzigkeit, aber keine Einladung an Neonazis", sagt der evangelische Gemeindepfarrer. An diesem Samstag will er mit dem katholischen Priester unter freiem Himmel einen ökumenischen Gottesdienst für die Opfer des Nationalsozialismus abhalten. Auch Schulen, Kirchen und alle Fraktionen im Stadtrat haben gemeinsam Kundgebungen, Ausstellungen und Gegenaktionen vorbereitet und sich in diesem Jahr erstmal professionelle Hilfe vom Bündnis für Demokratie und Toleranz in Berlin geholt. Der Friedhof bleibt an diesem Tag geschlossen.

          „Trauermarsch für Märtyrer“

          Schon im ersten Jahr nach der Bestattung hatten die Aufzüge von Rechtsradikalen begonnen, deklariert als "Trauermärsche" für einen "Märtyrer". Seither ist die Zahl der Teilnehmer von Jahr zu Jahr gestiegen. 3500 Teilnehmer waren es im vergangenen Jahr, und sie kommen längst nicht mehr nur aus Deutschland. "Im vergangenen Jahr sah ich Nummernschilder aus Dänemark und Holland, Frankreich, Polen und Italien, Rumänien und der Tschechischen Republik. Das beunruhigt mich sehr", sagt Bürgermeister Beck.

          In seinen Augen gibt es viele, und bessere Gründe, Wunsiedel zu kennen. Jean Paul wurde hier geboren, die preußische Königin Luise hielt sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts mehrere Jahre lang in der Stadt auf, und der ganze Stolz des Bürgermeisters sind die sommerlichen Festspiele auf der nach ihr benannten Luisenburg. Es ist eine hübsche kleine Stadt, gepflegt, gefegt und ordentlich. Der Marktplatz wird gesäumt von Bäumen, Bänken, Sonnenschirmen. An den Laternenmasten hängen bis zum Ortsausgang üppige Petunienampeln in Gelb und Violett.

          "Wunsiedel, die Festspielstadt"

          Vom Friedhof aus, wo Heß begraben liegt, aber auch Opfer eines Todesmarsches von KZ-Häftlingen, der gegen Kriegsende hier vorbeiführte, blickt man auf die bewaldeten Höhen des Fichtelgebirges. Unten im Ort werden im Fichtelgebirgsmuseum Steine und Legenden aus der umgebenden Natur gepflegt. Gern wäre die Stadt weithin bekannt als "Wunsiedel, die Festspielstadt". Aber wenn der Bürgermeister in den Urlaub an die Nordsee fährt, kennt man Wunsiedel dort nur als Stadt der alljährlichen Heß-Umzüge, als braunes Nest irgendwo in Oberfranken.

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