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Rechtsextremismus : Die NPD - gut getarnt in den Weiten Vorpommerns

Bald für die NPD im Schweriner Landtag: Udo Pastörs Bild: dpa

Angeblich hat sie niemand gesehen - dabei ist die NPD allgegenwärtig. Frank Pergande berichtet, wie sich die Rechtsextremen mit einer Materialschlacht und sogenannten Kameradschaften im Osten Mecklenburg-Vorpommerns breit gemacht haben. Nach den Landtagswahlen ist zunächst Stille eingekehrt.

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          Ein paar NPD-Plakate hängen noch in Wilhelmsburg. In dem Dorf im vorpommerschen Landkreis Uecker-Randow kam die Partei bei der Landtagswahl am vergangenen Sonntag auf 27,9 Prozent. Das Dorf macht einen netten, stillen Eindruck.

          Frank Pergande

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Aber das täuscht. Jedenfalls nach Meinung der Frau, die in einer bunten Kittelschürze schon am Zaun wartet, um ihr Herz zu erleichtern. „Ich schäme mich dafür“, sagt sie über die Wahlergebnisse. „Dafür sind wir 89 nicht auf die Straße gegangen.“ Früher sei es im Dorf lustig zugegangen. „Heute haben wir nur noch die Rindermast und die Gärtnerei. Sonst haben wir hier doch nichts mehr.“

          Sechs Mandate

          Weggehen würde sie am liebsten, so wie ihre Tochter weggegangen ist. Aber ihr Mann wolle nicht, wegen des Hauses. Es ist eines der typischen Häuser der Gegend am Stettiner Haff, aus Backstein, die Fassade mit Zierputz geschmückt. Nicht arm, nicht reich. Trostlos wirkt dagegen ein paar Kilometer weiter in Richtung Haff die Ispericher Straße.

          Sie führt durch das Wohngebiet Ueckermünde-Ost, eine Plattenbausiedlung aus der DDR-Zeit. Die Straße ist Sackgasse. Wo sie einen Knick macht, leuchtet zwischen zwei Plattenbaugiebeln wie ein Wunder hellblau das Wasser auf. Bei der Landtagswahl kam die NPD hier auf dreißig Prozent der Stimmen. Das lag an Tino Müller. Er wohnt in der Ispericher Straße, ist 28 Jahre alt, Maurer von Beruf, verheiratet und hat zwei Kinder. Neuerdings sieht man ihn mit roten Hosenträgern.

          In den Schweriner Landtag kam er allerdings am Wahlabend seriös gekleidet. Ude Pastörs, Juwelier und Uhrmacher aus dem mecklenburgischen Lübtheen, hatte den ersten Listenplatz, Müller den zweiten. Pastörs ist inzwischen Fraktionsvorsitzender im Schweriner Landtag, Müller sein Stellvertreter. Ein Wahlergebnis im Land von 7,3 Prozent reichte für sechs Mandate.

          „Schöner Wohnen“ ohne Asylbewerber

          Müller wird nun deutlich mehr Geld haben als früher. In der rechtsextremen Szene ist er schon lange dabei, erst in der Wiking-Jugend, seit der Bundestagswahl vor einem Jahr in der NPD. In Ueckermünde war er Gründer von „Schöner und sicherer Wohnen“ gewesen, die gegen den Umzug eines Asylbewerberheimes näher an das Stadtzentrum heran zweitausend Unterschriften gesammelt hat. Zweitausend - das ist in Ueckermünde ein Viertel der Wahlberechtigten. Das Heim ist tatsächlich nicht umgezogen, allerdings, so heißt es, nicht wegen der Unterschriften oder gar der NPD, sondern weil der Umzug zu teuer geworden wäre.

          Schon bei der Bundestagswahl vor einem Jahr schaffte Müller in seinem Wahlbezirk ein zweistelliges Ergebnis. Im Verhältnis zur Bevölkerungszahl dürfte er am vergangenen Sonntag das überhaupt beste Ergebnis für seine Partei erzielt haben. Auch wenn die Prozentzahlen in vielen kleineren Dörfern höher ausfallen. In Wilhelmsburg etwa. Oder in Postlow bei Anklam im Landkreis Ostvorpommern, wo die NPD auf 38,6 Prozent kam. Allerdings gibt es im Dorf nur 150 Einwohner.

          „Was hätten die Leute da wohl gesagt?“

          Um Postlow hatte es einen regelrechten Plakatkrieg gegeben. Die NPD hatte das Dorf mit Plakaten überschwemmt. Wie die anderen Parteien darauf reagierten, darüber werden zwei Versionen erzählt. Die eine: Die anderen Parteien hätten auch geklebt, aber alles sei sofort wieder verschwunden. Die zweite: Die anderen Parteien seien gleich wieder abgezogen, weil sie für ihre Plakate keinen Platz mehr gefunden hätten.

          Auch in Ducherow südlich von Anklam hat es einen Plakatkrieg gegeben. Bernd Schubert, der Bürgermeister, erzählt davon. Er ist CDU-Landtagsabgeordneter, der gerade zum zweiten Mal seinen vorpommerschen Wahlkreis gewonnen hat. Für eine neu gebaute Straße durch den Ort habe es ein Plakatierverbot gegeben - wegen der noch geltenden sogenannten Gewährleistung nach den Bauarbeiten. Zwei Tage vor der Wahl habe die NPD dennoch ihre Plakate hingehängt. Die seien dann geblieben. „Hätte ich sie wegnehmen sollen, als der CDU-Direktkandidat? Was hätten die Leute da wohl gesagt?“

          „Schon ziemlich unheimlich“

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