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Rechtsextremer Terrorismus : Bei Mord stets gerne behilflich

Die mutmaßlichen Terroristen waren schwer bewaffnet: Ihre Ausrüstung wird im Dezember in Karlsruhe präsentiert Bild: dapd

Mit Carsten S. ist bereits der fünfte mutmaßliche Helfer der Zwickauer Terrorzelle verhaftet worden. Die Ermittler gewinnen immer mehr Einblick in die Verwicklung der Helfer in die Morde des NSU.

          Als am vergangenen Mittwoch in der Düsseldorfer Markenstraße im Stadtteil Oberbilk ein Kommando der GSG 9 der Bundespolizei in die Wohnung des 31 Jahre alten Carsten S. eindrang und den Mann aus dem Bett holte, endete dort vorläufig ein schwer verstehbares Doppelleben. Verhaftet wurde einerseits der liebe Carsten, den seine Bekannten bei der Düsseldorfer Aids-Hilfe und in der Sozialarbeit schätzen, den engagierten Sozialpädagogen, der sich Karneval auch mal als Frau kostümierte. Carsten S., der studierte Sozialpädagoge, war Helfer im staatlich geförderten Modellprojekt „für sozial und individuell benachteiligte Jugendliche“, wie es in einer Ratsvorlage der Stadt Düsseldorf zum „Jugend-Job-Center Plus“ heißt.

          Peter Carstens

          Politischer Korrespondent in Berlin

          Derselbe Carsten S. war andererseits vor Jahren eine polizeibekannte Figur in der Jenaer Neonazi-Szene, Mitmacher beim rechtsextremen Schlägertrupp „Thüringer Heimatschutz“ und NPD-Mitglied sowie Funktionär der NPD-Organisation „Junge Nationalisten“. Carsten S. soll ein Terrorhelfer sein, ein Mordgehilfe des „Nationalsozialistischen Untergrundes“ (NSU) in sechs Fällen? Das jedenfalls wirft ihm nun die Bundesanwaltschaft vor.

          Die Kerngruppe brauchte einen Helferkreis

          Bei den Ermittlungen gegen die mutmaßliche Kerngruppe, bestehend aus Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe, die nach Auffassung der Strafverfolger zehn Jahre lang gemeinschaftlich gemordet, terrorisiert und geraubt haben sollen, war rasch klar geworden, dass die drei, das sogenannte Trio, ihr Leben im Untergrund in den Jahren 1998 bis 2011 nicht ohne einen mehr oder minder großen Helferkreis hätten führen können. Seit Böhnhardt und Mundlos, nach einem Bankraub von der Polizei gestellt, in einem Wohnmobil starben und seit Beate Zschäpe die letzte Untergrundwohnung in der Zwickauer Frühlingstraße 26 in Brand gesteckt hat, suchen Hunderte Ermittler nach Helfern, die das Trio in den Jahren seit ihrem Untertauchen gedeckt, geschützt und unterstützt haben. Sie sollen der Kerngruppe beispielsweise mit Waffen, Ausweisen, Autos und als Quartiergeber geholfen haben oder beim Anfertigen des Selbstbezichtigungs-Videos. Für dessen Verteilung und Versendung hatte Frau Zschäpe noch gesorgt, ehe sie sich der Polizei stellte. Auch dabei wurde ihr, so die Erkenntnisse der Ermittler, geholfen.

          Der Professorensohn Uwe Böhnhardt, sein Freund Uwe Mundlos und die Begleiterin Beate Zschäpe, gelernte Gärtnerin, stammten aus Jena und waren dort vor ihrem Untertauchen in der Neonazi-Szene aktiv. Dem „Thüringer Heimatschutz“ (THS) wurden Ende der neunziger Jahre etwa 150 bis 170 Personen zugerechnet. Aus diesem Umfeld stammen offenbar die meisten Unterstützer. Verbindungen werden aber auch zu der inzwischen verbotenen rechtsextremen „Blood and Honour“-Organisation hergestellt und zu Gliederungen der NPD.

          Seit Mitte November wird gegen mehr als ein Dutzend Männer und Frauen aus dem Umfeld ermittelt. Außer Frau Zschäpe sitzen derzeit fünf weitere Personen in Untersuchungshaft: Holger G., der am 14. November bei Hannover festgenommen wurde, Andre E. wurde am 24. November verhaftet, fünf Tage später Ralf Wohlleben. Am 11. Dezember nahmen Ermittler in Johanngeorgenstadt Matthias D. fest. In dieser Woche wurde Carsten S. dem Haftrichter vorgeführt.

          Der in dieser Woche festgenommene Carsten S.

          Allen fünf wirft die Bundesanwaltschaft vor, den Gründern der Terrororganisation aktiv geholfen zu haben. Sie sollen sich der Unterstützung des „Nationalsozialistischen Untergrundes“ schuldig gemacht haben, teilweise sogar der Beihilfe zu den Morden der Bande.

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