https://www.faz.net/-gpf-ry18

Rechtschreibung : „Sprache kennt keine Kompromisse“

Kehlmann hält an alten Regeln fest Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Zahlreiche Schriftsteller haben an die Ministerpräsidenten appelliert, an der bewährten Rechtschreibung festzuhalten. Die überwiegend jungen Autoren erklärten, ihre Bücher weiter nach den traditionellen Regeln drucken lassen zu wollen.

          Kurz vor der Entscheidung der Ministerpräsidentenkonferenz über die Vorschläge des Rates für deutsche Rechtschreibung an diesem Donnerstag haben Schriftsteller und Rechtswissenschaftler, sowie die Bayerische Akademie der Schönen Künste an die Ministerpräsidenten appelliert, an der bisherigen Rechtschreibung festzuhalten. In einer gemeinsamen Erklärung der Schriftsteller, die von Daniel Kehlmann, Christian Kracht, Feridun Zaimoglu, Judith Hermann, Iris Hanika und anderen unterzeichnet ist, bekräftigen die Dichter, ihre Bücher weiter in der bisherigen Schreibweise drucken zu lassen.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Der Staat habe selbst ohne Not eine Situation hergestellt, in der er sich von der überlegenen Orthographie der gewachsenen und vitalen Schriftkultur provoziert fühlen müsse. Die Literatur werde ihm aus dieser Lage nicht heraushelfen. Sie werde sich um staatliche Vorgaben um so weniger scheren, als diese die Intelligenz des Lesers beleidigten und die Tradition obsolet machten. Von einem Rechtschreibfrieden könne also überhaupt nicht die Rede sein, noch weniger von einem Kompromiß. „Die Sprache kennt keine Kompromisse, jedenfalls nicht solche, wie sie in nichtöffentlichen Sitzungen seit über zwanzig Jahren zwischen ein paar Dutzend Didaktikern, Linguisten und Ministerialbeamten sowie Verbands- und Wirtschaftsvertretern ausgehandelt werden“, heißt es in der Erklärung.

          „Blamabler Umgang“

          Die bayerische Akademie der Schönen Künste appellierte an die Ministerpräsidenten, einem neu zu berufenden Rechtschreibrat die politische Unabhängigkeit und die nötige Zeit zu gewähren, die dazu erforderlich sind, das durch die „Anmaßung und Inkompetenz der Verantwortlichen angerichtete Chaos der deutschen Rechtschreibung“ zu beheben. Nach sorgsamer Prüfung der zu ratifizierenden Vorschläge des Rates stimme die Akademie mit den Kennern der deutschen Sprachgeschichte und Orthographie überein, daß die zur Befriedung empfohlenen Resultate des Rechtschreibrates in hohem Grade unbefriedigend seien. In Anbetracht des tendenziös besetzten Gremiums sei nichts anderes zu erwarten gewesen. Denn nach dem öffentlich erklärten Willen der Kultusminister gehe es bei der zur Genehmigung vorgelegten Reform der Reform der deutschen Rechtschreibung durchaus nicht um die Aufhebung der durch die Kultusministerkonferenz verursachten Verwilderung der deutschen Orthographie, sondern um ein „Exempel bundesrepublikanischer Staatsräson“.

          Rechtswissenschaftler haben unterdessen darauf hingewiesen, daß der „blamable Umgang“ mit der Rechtschreibung belege, daß die Kultusverwaltungen und die Organisation der Kultusministerkonferenz zu einer Belastung für das deutsche Bildungssystem geworden seien, die den Forderungen der Länder im Rahmen der Föderalismusreform nach einer Ausweitung der Bildungskompetenzen vollkommen zuwiderlaufe. Beim Verfassungsgericht in Karlsruhe ist unterdessen eine Verfassungsbeschwerde gegen die Rechtschreibreform eingegangen.

          „Behände“ das „Quäntchen“ ändern?

          Der Vorsitzende des Rates für deutsche Rechtschreibung, der frühere bayerische Wissenschaftsminister Zehetmair (CSU) hat im Gespräch mit dieser Zeitung abermals den von den Kultusministern ausgeübten Zeitdruck beklagt und auch eine partielle Unzufriedenheit mit dem Arbeitsergebnis des Rates zum Ausdruck gebracht. Es sei durchaus erlaubt, noch einmal die Schreibung von „Quäntchen“ und „behände“ zu ändern. Zwar sei schon viel dadurch erreicht worden, „den alten Betonköpfen das absolute Geltendmachen des Regelwerks umzustoßen“, doch müßten noch weitaus mehr Schreibweisen dem Sprachgebrauch des „unverbildeten Lesers folgen“. Wenn die „Printmedien“ im Falle mehrerer Möglichkeiten durchgängig den bewährten Schreibweisen folgten, würden sich diese durchsetzen. Auch die Schulbuchverlage hätten angekündigt, so zu verfahren.

          Er rechne fest damit, daß der Beschluß bei der Ministerpräsidentenkonferenz „durchlaufe“. Bestätigt hat Zehetmair auch, daß der Vertreter der Deutschen Presseagentur (dpa) Hein auf eigenen Wunsch aus dem Rat ausgeschieden ist. Da er die Reformkritiker unter den Zeitungen im Rat als „Krawallmacher“ bezeichnet hatte, war der Druck auf ihn gewachsen. Hein hat gesagt, er habe sich in der Wortwahl vergriffen und die Verantwortung für diese Äußerung übernommen. In den Rechtschreibrat wird ein Nachfolger von der dpa entsandt. Der Rat wird jedoch erst nach der Veröffentlichung der vollständigen Wörterlisten in den Wörterbüchern wieder tagen.

          Weitere Themen

          Scholz lässt seine Pläne offen Video-Seite öffnen

          Bewerbung auf SPD-Vorsitz : Scholz lässt seine Pläne offen

          „Ganz klar ist, wir müssen in Deutschland vorankommen mit unserem Land. Wir müssen dafür sorgen, dass der Zusammenhalt besser wird“, sagte Bundesfinanzminister Olaf Scholz nach Bekanntwerden seiner Kandidatur für die SPD-Spitze.

          Scholz gegen komplette Soli-Abschaffung

          Finanzminister : Scholz gegen komplette Soli-Abschaffung

          Finanzminister Olaf Scholz kritisiert das von Wirtschaftsminister Altmaier vorgelegte Konzept zur vollständigen Soli-Abschaffung als „Steuersenkung für Millionäre“. Der SPD-Politiker möchte vorerst nur 90 Prozent der Steuerzahler entlasten.

          Topmeldungen

          Gletscher Okjökull : Das Eis verlässt Island

          Die Gletscherschmelze ist ein eindrückliches Merkmal der Klimaerwärmung: Der einstige Gletscher Okjökull auf Island ist heute keiner mehr. Die isländische Ministerpräsidentin appelliert an die Weltgemeinschaft.
          Finanzminister Olaf Scholz hat sich gegen das von Wirtschaftsminister Peter Altmaier vorgelegte Konzept zur vollständigen Abschaffung des Solis ausgesprochen.

          Finanzminister : Scholz gegen komplette Soli-Abschaffung

          Finanzminister Olaf Scholz kritisiert das von Wirtschaftsminister Altmaier vorgelegte Konzept zur vollständigen Soli-Abschaffung als „Steuersenkung für Millionäre“. Der SPD-Politiker möchte vorerst nur 90 Prozent der Steuerzahler entlasten.
          Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden, warnt die Parteien davor, eine Koalition mit der AfD einzugehen.

          Zentralrat der Juden : „AfD schürt Klima auch gegen Juden“

          Zentralratspräsident Josef Schuster warnt: Die AfD sei enger mit dem Rechtsextremismus verwoben, als sie es nach außen darstellt. Im Vorfeld der Wahlen in Sachsen und Brandenburg hält Schuster einen dringlichen Appell an alle Parteien.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.