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Reaktionen auf Wulff-Rede : „Muslime keine Bürger zweiter Klasse“

  • Aktualisiert am

Bundespräsident Wulff: „Der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland” Bild: REUTERS

Mit seinen Aussagen zur Integration in seiner Rede am Tag der Deutschen Einheit stößt Bundespräsident Christian Wulff auf ein geteiltes Echo. Vom Zentralrat der Muslime in Deutschland und Gregor Gysi erhält er Lob. Kanzlerin Merkel sagte, der Islam müsse sich allerdings „den Werten des Grundgesetzes“ verpflichtet fühlen.

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          Mit seinen Aussagen zum Islam in seiner Rede zum 20. Jahrestag der Deutschen Einheit stößt Bundespräsident Christian Wulff auf ein geteiltes Echo. Der Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD) bezeichnete die Rede Wulffs als ein „deutliches und wichtiges Signal“. In der Vergangenheit seien die Fronten oft verhärtet gewesen, sagte der Vorsitzende des ZMD, Aiman Mazyek, der „Bild-Zeitung“. Er hoffe, dass nun ein Ruck durch Deutschland gehe: „Wulffs Rede war ein Zeichen, dass die Muslime keine Bürger zweiter Klasse sind.“

          Der Bundespräsident habe klar gemacht: „Verschiedene Lebensentwürfe und Vielfalt sind erwünscht.“ In der „Berliner Zeitung“ warnte Mazyek vor der Gefahr, dass Menschen angesichts von sozialen und wirtschaftlichen Unsicherheiten auf „Populisten und Scharlatane“ hereinfielen. Als Beispiel nannte der Zentralrats-Vorsitzende die umstrittenen Thesen des SPD-Politikers und ehemaligen Bundesbankvorstandes Thilo Sarrazin zur angeblichen Bildungsferne muslimischer Einwanderer. Vor diesem Hintergrund sei die Rede Wulffs „wohltuend und differenziert“ gewesen.

          Auch der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan Kolat, lobte die „sehr eindeutigen Botschaften“ in Wulffs Rede. Wenn dieser den Islam als Teil Deutschlands bezeichne, werde dies auch in der Bevölkerung ankommen, sagte Kolat.

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          „Der Islam gehört auch zu Deutschland“

          Wulff hatte in seiner ersten Grundsatzrede als Bundespräsident am Sonntag in Bremen die Einwanderer hierzulande eindringlich zur Integration aufgefordert, die Deutschen aber zugleich zu Offenheit und Toleranz ermahnt. Die Zugehörigkeit zu Deutschland dürfe nicht auf einen Pass, eine Familiengeschichte oder einen Glauben verengt werden. Zwar seien Christen- und Judentum „zweifelsfrei“ Bestandteil der deutschen Kultur, so der Bundespräsident. „Aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland.“ (Siehe auch: Wulffs Rede im Wortlaut: Vielfalt schätzen, Zusammenhalt fördern)

          Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) rief zu weiteren Integrationsanstrengungen auf. Bei der Vorstellung eines Buchs des ehemaligen hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch (CDU) saget sie, der Bundespräsident habe in seiner Rede mit Recht darauf aufmerksam gemacht, dass auch der Islam ebenso wie das Christentum und das Judentum in Deutschland gelebt werde.

          Der Islam sei in Deutschland gemäß der Religionsfreiheit „natürlich willkommen“. Er müsse sich allerdings den im Grundgesetz festgeschriebenen Grundwerten verpflichtet fühlen, sagte die Kanzlerin. „Es gibt hier keine Toleranz gegenüber den Werten des Grundgesetzes.“

          Gysi lobt Wulff

          Der Fraktionsvorsitzende der Linkspartei im Bundestag, Gregor Gysi, sagte, Wulff habe als Staatsoberhaupt klar gemacht, dass Deutschland nur dann zur Einheit finde, wenn die Integration insgesamt gelinge. Wulffs Hinweis, dass nicht nur die Zuwanderer sich integrieren müssten, sondern auch Deutschland etwas für sie tun müsse, sei ein wichtiger Ansatz gewesen. „Und neu: Ich glaube, noch zu keinem Jahrestag der Deutschen Einheit hat man diese Frage so aufgeworfen, wie das der Bundespräsident gestern gemacht hat“, sagte Gysi im Südwestrundfunk.

          Gysi zeigte sich zuversichtlich, dass Deutschland in der Integrationspolitik Fortschritte mache. „Man merkt auch, in der Gesellschaft brodelt es und dann ist meistens die Zeit reif dafür, dass was angepackt wird und es Lösungen gibt.“

          „Mehrheitskultur in unserem Land respektieren“

          „Muslime sollen bei uns zu Hause sein“, sagte der Hamburger Weihbischof Hans-Jochen Jaschke der „Bild“-Zeitung. Deutschland sei aber weiter stark geprägt von der christlichen Kultur und Tradition. Er kämpfe dafür, „dass wir diese nicht preisgeben. Die Muslime müssen die gewachsene Mehrheitskultur in unserem Land respektieren.“ Die Zugehörigkeit zu Deutschland dürfe nicht auf einen Pass, eine Familiengeschichte oder einen Glauben verengt werden.

          Der Publizist Michel Friedman sagte dem Blatt, Wulff habe die Realität in Deutschland beschrieben. „Alle drei Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam müssen auf Augenhöhe und gegenseitigem Respekt als Bestandteile Deutschlands gewürdigt werden“, so der ehemalige Vizepräsident des Zentralrats der Juden. Aber auch der Islam habe zu respektieren, dass „die weltlichen Gesetze über den religiösen stehen“.

          Der Publizist Peter Scholl-Latour zeigte sich verwundert über die Aussagen des Bundespräsidenten. Zwar erkenne er dahinter eine ehrenwerte Absicht. „Aber wir sind kein muslimisches Land, wir haben eine abendländisch-christlich-jüdische Kultur, die mit dem Islam nicht identisch ist.“

          Wulff warb in der ARD auch für faire Verhandlungen mit der Türkei über einen EU-Beitritt. Die Gespräche müssten „ergebnisoffen geführt werden“, sagte Wulff am Sonntagabend in der Sendung „Bericht aus Berlin“. Es gebe Prozesse in der Türkei, „die hohe Aufmerksamkeit verdienen“, vieles gehe aber noch nicht weit genug. Wulff wird Mitte Oktober zu einem Staatsbesuch in die Türkei reisen.

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