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Razzien in neun Bundesländern : Verdächtige Hilfe im Namen des Islams

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Neben dem Sammeln von Spendengeldern und Mitgliedsbeiträgen erschließt sich die Organisation demnach immer weitere Einnahmequellen. So gibt es mittlerweile einen „Ummashop“, wo Salafisten Kleidungsstücke der Marke „Ansaar clothing“ kaufen können, ein Restaurant und einen Second-Hand-Laden. Ein Reisebüro bietet All-inclusive-Pakete für Pilgerreisen an.

Zwischen Ansaar und WWR bestehen laut Verfassungsschutz enge verwandtschaftliche und organisatorische Verknüpfungen, auch deshalb wird WWR von den Sicherheitsbehörden als Teilorganisation von Ansaar eingestuft. In Nordrhein-Westfalen soll Ansaar 170 Anhänger haben, etliche weitere sollen in anderen Bundesländern dazukommen.

Alarmiert hat die Sicherheitsbehörden, dass es personelle Überschneidungen zwischen WWR und Ansaar auf der einen Seite und dem Ende 2016 vom damaligen Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) verbotenen Verein „Die wahre Religion/Lies!“ auf der anderen Seite gibt. Der 2005 vom selbsternannten Kölner Prediger Ibrahim Abou-Nagie gegründete Verein „Die wahre Religion“ war bis vor zweieinhalb Jahren das mitgliederstärkste dschihadistsich-salafistische Netz in Deutschland. Immer größeres Aufsehen rief der Verein seit 2011 hervor, als junge bärtige Männer damit begannen, in Fußgängerzonen mehrerer deutscher Städte unter dem Motto „Lies! Im Namen deines Herrn, der dich erschaffen hat“ kostenlos Koran-Übersetzungen zu verteilen.

Bald kamen Verfassungsschützer von Bund und Ländern zu der Überzeugung, dass die Missionsarbeit für Abou-Nagie und seine Anhänger nur ein Mittel war, um junge Menschen für den Salafismus zu gewinnen und dann systematisch weiter zu radikalisieren. Tatsächlich wirkte die „Lies!“-Aktion wie ein Durchlauferhitzer. 2016 hieß es von den Verfassungsschutzbehörden, rund 140 junge Leute, die sich zuvor an den Koran-Verteilaktionen beteiligt hatten, seien nach Syrien oder in den Irak ausgereist, um sich dort dem „Islamischen Staat“ (IS) oder anderen Terrorgruppen anzuschließen.

Dass sich ein Teil der in Deutschland gebliebenen „Lies!“-Leute nun bei Ansaar engagiert, deutete der nordrhein-westfälische Verfassungsschutz als Beleg dafür, dass die Hilfsorganisation in der dschihadistisch-salafistischen Szene ein Vakuum füllt, das durch das „Lies!“-Verbot entstand.

Durch den Niedergang der Terrororganisation in Syrien und dem Irak sei der Szene „ein wichtiges Narrativ – der IS als Heimat und Ausreiseort, der Dschihad als erfolgreiches Projekt der Staatsgründung – zum großen Teil abhandengekommen“, weshalb die Bedeutung vermeintlicher Hilfsorganisationen zugenommen habe, heißt es von der Behörde.

„Unsere Ermittler und Analysten haben außergewöhnlich gut gearbeitet“, sagte der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul (CDU). „Für Terroristen darf es aus NRW keine Unterstützung geben.“ Ansaar International wies die Vorwürfe zurück. „Wir verabscheuen Radikale“, hieß es in einer Stellungnahme. Die Ansaar-Projekte im Gazastreifen seien „offen“ und bezögen sich ausschließlich auf Trinkwasser, Elektrizität und Nothilfe.

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