https://www.faz.net/-gpf-8efvo

Rassismus in Oberbayern : Seehofer entsetzt über Morddrohungen gegen afrikanischen Pfarrer

  • -Aktualisiert am

„Ab mit Dir nach Auschwitz“ und „nach der Vorabendmesse bist Du fällig“ waren die Drohungen, die sich Pfarrer Olivier Ndjimbi-Tshiende anhören musste. Bild: dpa

Nachdem ein aus dem Kongo stammender Pfarrer mehrere Monate fremdenfeindlicher Hetze ausgesetzt war, tritt er jetzt von seinem Gemeindeamt in Oberbayern zurück. CSU-Chef Horst Seehofer verurteilte die Drohungen. Und hofft auf die Justiz.

          2 Min.

          Es ist ein Fanal für das katholische Bayern: Ein Pfarrer verlässt seine Gemeinde, weil er rassistischen Beschimpfungen und Morddrohungen ausgesetzt ist. Olivier Ndjimbi-Tshiende, ein bestens ausgewiesener Theologe und Seelsorger, wird nur noch diesen Monat Pfarrer in Zorneding sein, einem Ort mit rund 9000 Einwohnern im Osten von München. Danach übernimmt er eine andere Aufgabe, die noch nicht genannt wird. Es ist auch für die CSU ein Fanal – denn in ihren Reihen nahm ein Weg seinen Anfang, der in einen Abgrund an Hass führte.

          Der 66 Jahre alte Ndjimbi-Tshiende ist im Kongo als Kind einer bäuerlichen Familie aufgewachsen. Über Missionsschulen und das Priesterseminar in Kinshasa fand er zum Beruf des Priesters. In seiner Heimat sammelte er vielfältige Erfahrungen – als Bischofssekretär, Gefängnispfarrer und Hochschuldozent. Seine akademische Biographie vollendete er in Deutschland: In München wurde er an der Jesuitenhochschule promoviert und an der Ludwig-Maximilians-Universität habilitiert, mit einer moralphilosophischen Arbeit.

          Als Ndjimbi-Tshiende 2012 als Pfarrer nach Zorneding kam, kannte er die Seelsorge in Deutschland gut; er war Pfarradministrator in einem Münchner Stadtteil und im niederbayerischen Buch am Erlbach gewesen. „Gegenseitiger Respekt“ gehöre zu seiner Vision einer Pfarrgemeinde, schrieb er bei seinem Amtsantritt in Zorneding. Drei Jahre später erlebte er das krasse Gegenteil. Es begann mit einem Kommentar der damaligen Zornedinger CSU-Ortsvorsitzenden Sylvia Boher, in dem die Flüchtlingsaufnahme in Bayern als „Invasion“ bezeichnet wurde.

          Rhetorisch fragte Boher, was Franz Josef Strauß dazu sagen würde, dass die deutschen „Volksvertreter auf allen Ebenen“eine größerere Solidarität mit Flüchtlingen aus aller Welt zeigten als mit den eigenen Bürgern. „Linksdominierte Medien“ suggerierten, dass ein „Militärdienstflüchtling“ aus Eritrea mit einem Deutschen gleichzusetzen sei, der nach dem Krieg aus seiner Heimat vertrieben wurde. Erschienen war dieser Erguss in einem Magazin der Zornedinger CSU, das auf dem Titelblatt Kirchtürme der Gemeinde zeigt. Für den Zornediger Pfarrgemeinderat war mit dem Kommentar Bohers das Maß voll; in einem Beschluss wurde die CSU aufgefordert, sie möge an Stelle der Kirchtürme doch den Schriftzug der Partei zeigen. Es dürfe kein Missverständnis entstehen, wessen Geisteshaltung mit dem Kommentar verbreitet werde.

          „Unser Neger“, eine flapsige Bemerkung?

          Auch Ndjimbi-Tshiende bezog Stellung gegen Bohers Suada – und wurde danach vom damaligen stellvertretenden CSU-Ortsvorsitzenden Johann Haindl wüst attackiert: Der Priester müsse aufpassen, dass ihm sein Vorgänger im Pfarramt „nicht mit dem nackerten Arsch ins Gesicht springt, unserem Neger.“ Haindl versuchte danach, das Zitat abzuschwächen und sprach von einer „flapsigen Bemerkung“, die er habe fallen lassen – und an die er sich nicht mehr genau erinnere.

          Nach einigem Zögern gaben Boher und Haindl ihre Parteiämter auf. Boher blieb aber im Gemeinderat; in rechtsextremen Internet-Foren wurde sie als „edle Löwin“ gefeiert, die für das Überleben ihrer „Art“ kämpfe. Es war eine Saat ausgebracht, die Hass und Unflat hervorbrachte: „Ab mit Dir nach Auschwitz“ musste Ndjimbi-Tshiende in seiner Post lesen. Ihm wurde gedroht: „Nach der Vorabendmesse bist Du fällig.“ Der Zornedinger Bürgermeister Piet Mayr, ein CSU-Politiker, sagt jetzt, die „Vorgänge“ gäben nicht die „Grundstimmung am Ort“ wieder.

          Angesichts des großen Medienechos meldete sich auch Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer zu Wort. Der CSU-Chef verurteilte die Morddrohungen gegen den dunkelhäutigen katholischen Pfarrer. „Das ist völlig inakzeptabel“, sagte Seehofer am Montag in München. Polizei und Justiz müssten alles daran setzen, die Vorgänge aufzuarbeiten. „Null Toleranz ist in Bayern der Maßstab“, ergänzte Seehofer.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Verfasste laut Dokumenten aus der Stasi-Unterlagenbehörde über zwölf Berichte zu Kameraden: der neue Verleger der „Berliner Zeitung“ Holger Friedrich

          „Berliner Zeitung“ : Was ist das für ein Verleger?

          Der Einstieg von Silke und Holger Friedrich beim Berliner Verlag war furios. Sie veröffentlichten ein Manifest, alles sah nach Aufbruch aus. Und was ist jetzt, nach den Stasi-Enthüllungen?
          Geht’s nicht voran? Ein Mann wartet unterwegs auf das Internet.

          Mobilfunkausbau : So soll das Handy schneller werden

          Die Bundesregierung will im Mobilfunkausbau verängstigte Bürger besser informieren. Denn die bremsen zuweilen den Antennenausbau wegen möglicher Strahlenbelastung. Doch das ist nicht der einzige Grund für den lahmenden Ausbau des Netzes.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.