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Rassismus in Deutschland : „Plötzlich gibt es eine Legitimität der Vorurteile“

  • -Aktualisiert am

Studierende der Universität Leipzig protestieren am 21.11.2017 auf dem Campus der Universität in Leipzig (Sachsen) gegen Rassismus, Sexismus, Islamophobie und Homophobie Bild: dpa

Hysterie oder längst überfällig? Mit dem Hashtag #MeTwo ist die Rassismus-Debatte wieder aufgeflammt. Ein Ethnologe erklärt, warum uns der Umgang mit Alltagsrassismus so schwer fällt.

          Herr Kaschuba, in der #MeTwo-Debattte in den sozialen Netzwerken fällt auf, dass viele Nutzer ohne Migrationshintergrund auf Rassismus-Erfahrungen mit Abwehr reagieren. ‚Wir Weiße werden auch diskriminiert‘, heißt es dann. Woher kommt dieser Reflex?

          Rassismus konstruiert ein „Wir“ und ein „Die“. Die Kritik am Rassismus muss mit dieser Konstruktion umgehen, schafft gleichzeitig aber wieder ein „Wir“, nämlich das der Kritiker. Menschen in den sozialen Medien fühlen sich angegriffen, weil sie sich plötzlich auf die andere Seite geschoben fühlen – die der Rassisten. Da herauszukommen und die Debatte auf die individuelle Ebene zu ziehen, fällt uns nicht leicht.

          Warum haben wir damit Probleme?

          Wir haben in Deutschland wenig gelernt und wenig geübt, dass individuelle Geschichten zentral sind und nicht ethnische, nationale oder religiöse. Wenn jemand dann von seinen persönlichen Erfahrungen spricht, schalten viele auf Abwehr. Dann geht es um die Diskriminierung von „uns Deutschen“, also einer Gruppenzugehörigkeit, über die man sich selbst als Opfer stilisieren möchte.

          Aber auch „Weiße“ können Rassismus erfahren.

          Natürlich können auch „Weiße“ rassistischen Anfeindungen unterliegen. Aber: Es gibt kein Wissenssystem, also sozusagen ein „schwarzes“ Wissenssystem, das systematischen Rassismus ermöglicht. Ein System, in dem plötzlich die schwarze Rasse oben steht und die weiße unten. Es gibt natürlich religiös eingefärbte Ideologien, die in diese Richtung gehen. Es gibt sie allerdings seltener. Rassismus hat mit Machtverhältnissen zu tun, nicht nur mit Anschauungen. Die Voraussetzung für eine rassistische Strategie ist eigentlich, dass ich auch die Möglichkeit zur Macht habe, in der Politik, den Medien, bei der Bewaffnung oder durch besondere moralische beziehungsweise religiöse Argumente.

          Hat die Schwierigkeit, „Rassismus“ zu benennen, auch mit unserer Geschichte zu tun?

          Wir haben natürlich, gerade in Deutschland, besonders viele rassistische Bilder. Das hängt mit der Geschichte des Nationalsozialismus zusammen. Es gibt eine regelrechte Ikonographie des Rassismus, also eine Symbol- und Bildlehre, mit Literatur, Plakaten, Filmen. Das haben wir nach 1945 in Deutschland kaum aufgearbeitet, daher gehen wir mit solchen Dingen noch sehr unbewusst um. Gleichzeitig muss man differenzieren: Alltagsrassismus tritt im Verhältnis seltener in großen Städten und bei jungen Leuten auf, sondern öfter auf dem Land und bei der älteren Bevölkerung.

          Also ist Rassismus vor allem ein Problem älterer Menschen, die in ländlichen Regionen leben.

          Das hat häufig mehr mit neuen Freiheiten und der Angst vor einem Kontrollverlust zu tun als mit rassistischen Vorurteilen. Diese neuen Möglichkeiten, die etwa die eigenen Söhne und Töchter jetzt wahrnehmen, machen vielen Sorgen – für die man „die Anderen“ am einfachsten zum Sündenbock machen kann. Dabei ist diese Angst vor dem Neuem etwas, das den muslimischen Familienvater, der sein Kind nicht wirklich in die Welt entlassen will, mit dem 55 Jahre alten sächsischen Vater verbindet, dessen Tochter in Wien Medizin studiert. Es sind dieselben Ängste vor dem Verlust der Kontrolle. Die Lebensrealitäten gehen da gar nicht so weit auseinander.

          Warum fehlt uns dann das Verständnis füreinander?

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