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Rambach in Nordhessen : Mittendrin und doch ganz am Rand

Aufgeben gilt nicht: Metzger Wilfried Heckmann vor seinem Laden in Rambach Bild: Klein, Nora

Kaum jemand wünscht sich die Zeit vor dem Mauerfall zurück. Aber in Nordhessen gab es damals noch die „Zonenrandförderung“, die die Orte am Leben hielt. Und heute? Sterben die Dörfer allmählich? Ein Besuch in Rambach.

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          Schön ist es hier ja“, sagt Wilfried Heckmann, „aber eben tote Hose.“ Sein Blick schweift über weite Wiesen und Weiden, deren helles Grün sich an dunkle Wälder und gelbe Rapsfelder schmiegt. Seine Hände hat er an seiner weiß-blau gestreiften Schürze abgeputzt und über dem Bauch zusammengefaltet. „Aber schön reicht halt nicht“, murmelt er, „um die Leute hier zu halten.“ Auf Anhieb kann Heckmann schon fünf Häuser nur in seinem Blickfeld nennen, die leer stehen in Rambach. „Erst alte Bewohner, dann tote Bewohner und am Ende gar keine Bewohner mehr“, brummelt er, das sei das Schicksal der schmucken Fachwerkhäuser hier am äußeren Rand des Werra-Meißner-Kreises. Nach dem Fall der Mauer, die fast in Sichtweite vor dem Dorf verlief, seien ein paar Berliner nach Rambach gekommen, hätten Häuser gekauft fürs Wochenende, die Ferien oder den Alterssitz, aber auch die seien nun alle wieder weg. Dann streckt er den Arm aus und zeigt auf ein Haus, das teilweise mit grauen Plastikplanen dürftig abgedeckt ist. „Dieser Berliner nimmt sein Haus total auseinander und nutzt das Holz, um damit in Berlin seine Wohnung zu heizen.“

          Lucia Schmidt

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Rambach steht für Landflucht, demographischen Wandel und fehlende Nahversorgung. Es gibt dort keinen Bäcker, keine Post, keine Kneipe, keinen Arzt, keinen Kiosk, keinen Lebensmittelladen, keine Drogerie, keine Tankstelle, einfach nichts - bis auf Heckmann mit seiner kleinen Metzgerei. Der Metzgermeister verkauft in der ehemaligen Milchkühlanlage des Dorfes in einer einzelnen Vitrine grobe Leberwurst, Rippenspeck oder Steaks. Doch von dem Verkauf in Rambach könnte er nicht leben. Deshalb beliefert er Metzgereien in den umliegenden Dörfern und bietet Lieferungen frei Haus an.

          Die Wenigen, die zuziehen, sind „komisch“

          Seit gut einer halben Stunde steht er nun schon vor seinem kleinen Laden mit dem Rücken zur Tür und dem Blick auf die untere Hälfte des am Hang liegenden Ortes. Seit er dort steht und erzählt, ist kein Auto vorbeigefahren, von Fußgängern ganz zu schweigen. Die Straßen in Rambach muss man wohl leer nennen, um das Wort tot zu vermeiden. 231 Einwohner hat das kleine Dorf im Schlierbachswald. 1997 waren es noch 275, 2010 schon nur noch 243. Wenn jemand stirbt oder wegzieht, sinkt die Zahl weiter, denn es kommt niemand hierhin. Von 2008 an bis zum kommenden Jahr wird der Gemeinde Weißenborn, zu der Rambach gehört, ein Bevölkerungsschwund von 6,7 Prozent vorausgesagt. „Schlimm ist das“, raunt Heckmann, „aber ich kann die Leute verstehen. Hier gibt es keine Arbeit und keine Angebote und selbst die Breitbandversorgung ist unter dem anderswo üblichen Standard. Also, was hat Rambach zu bieten?“ Er schüttelt den Kopf, als wolle er sich die Frage selbst beantworten. „Tja, und die wenigen, die zugezogen sind, sind komisch.“ Das „komisch“ meint der kernige Metzger nicht so abwertend, wie es klingt.

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