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Rainer Brüderle : Der Ungefähre

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Längst hat der Pfälzer Brüderle das Zeug zum Kult Bild: dpa

Kaum einer am Kabinettstisch hat so viel Erfahrung mit der Exekutive; kaum jemand weiß so gut, wie man ein Ministerium führt. Trotzdem wurde Rainer Brüderle lange belächelt. Doch mit Opel kam die Wende. Seither brennt der Wirtschaftsminister ein kleines Feuerwerk ab.

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          Gehn Sie mit der Konjunktur, möchte man singen, gehn Sie mit auf diese Tour. So wie Rainer Brüderle, der Bundeswirtschaftsminister von der FDP, für den es in diesen warmen Sommertagen so gut läuft, dass er schon mit Ludwig Erhard verglichen wird, dem rundlichen Onkel mit der dicken Zigarre, dem Vater der Sozialen Marktwirtschaft. Früher, in der Brüderle-Baisse, da war das anders, da sahen sie in ihm einen zweiten Heinz Erhardt, den Komiker aus Wirtschaftswunderdeutschland, immer gut gelaunt, mit dicker Brille und schräg über die hohe Stirn gekämmten Haaren – einen Mann, den man nicht für voll nehmen musste. Dabei hätten Brüderles Sprüche durchaus das Zeug zum Bestseller, ein Rätsel, warum sie noch nicht gebunden auf den Stapeln in den Bahnhofsbuchhandlungen liegen. Kleine Kostprobe gefällig? „Wer nix isst, nix trinkt und den Vögeln die Körner wegpickt, kann kein glücklicher Mensch sein.“ Oder: „Wer auf dem Lorbeer sitzt, trägt ihn an der falschen Stelle.“ Oder, der absolute Klassiker: „Erst grübeln, dann dübeln.“

          Längst hat dieser Pfälzer das Zeug zum Kult. Stets trägt er die Lebensfreude zur Schau, schon als Junge in Landau, im Wäschegeschäft seines Vaters, krempelte er die Ärmel hoch, brachte sechs Tage die Woche den Herren der Stadt die neuen Krawatten und Schiesser-Unterhosen nach Hause, immer schön freundlich und beflissen, am siebten Tag, so darf man annehmen, wurden die Abrechnungen gemacht. Heute hat Brüderle den Laden in der Gerberstraße lukrativ vermietet: links der Bäcker, rechts der Metzger, ganz praktisch und bodenständig, mitten in der Fußgängerzone. Schon früh hat er das verinnerlicht, geprägt vom calvinistischen Protestantismus seiner Heimat: dass man die Verantwortung nicht an andere abgeben darf, sondern die Dinge besser in die eigenen Hände nimmt, nach dem Motto: Hilf dir selbst, dann wird dir geholfen.

          „Man kann gar nicht alle Weinköniginnen küssen“

          Elf Jahre war Brüderle Minister in Mainz, war stellvertretender Ministerpräsident, erst in einer Koalition mit den Schwarzen, dann mit den Roten, mit allen stand er auf dem Duzfuß. Kaum einer am Berliner Kabinettstisch hat so viel Erfahrung mit der Exekutive, weiß so gut wie er, wie man ein Ministerium führt. Trotzdem wurde Brüderle lange unterschätzt und belächelt, ein Schicksal übrigens, dass er mit anderen großen Pfälzern teilt, mit Helmut Kohl, Rudolf Scharping oder Kurt Beck. Dabei ist anzunehmen, dass das ganze Provinzgetue bei ihm im tiefsten Seelengrunde nur so eine Rolle ist, eine allerdings – das muss der studierte Diplom-Volkswirt und Mitarbeiter am Lehrstuhl für Wirtschaftspolitik in Mainz irgendwann erkannt haben –, die ganz gut zu ihm passt. Und schließlich kann ein solches Markenzeichen ganz nützlich sein für eine Politikerkarriere, mögen sich die Yuppies in der FDP auch noch so an ihm reiben.

          Da ist zum Beispiel die Sache mit dem Wein und den Weinköniginnen (Brüderle: „Man kann gar nicht alle Weinköniginnen küssen, es gibt ständig neue“): Sieben Jahre war er schon Wirtschaftsminister in Rheinland-Pfalz, als man die Zahl der Minister von elf auf acht reduzierte und Brüderle darum zusätzlich noch für Landwirtschaft und Weinbau zuständig wurde. Seitdem, und nicht schon von Geburt an, macht er Tag und Nacht Reklame für Riesling, Weißburgunder und Müller-Thurgau, lässt er sich sein Wasserglas am Rednerpult demonstrativ mit heimischem Rebsaft füllen, was Zuhörer in Nadelstreifen immer wieder die Nase rümpfen lässt. Vielen Wählern aber gefällt’s, und auch den Mittelständlern, den kleinen Unternehmern, die hierzulande nicht nur die meisten Arbeitsplätze bereitstellen, sondern auch die meisten Ausbildungsplätze. Und die Brüderle ebendarum am Herzen liegen. Wie war sein Spitzname in der FDP noch gleich? Genau: Mr. Mittelstand.

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