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RAF-Terroristin Becker : Auf halber Strecke

Erklärte sich, beantwortete jedoch wenig: Verena Becker Bild: REUTERS

„Ich war nicht dabei“: Die frühere RAF-Terroristin Verena Becker bestreitet vor dem Stuttgarter Gericht, an dem Mord am früheren Generalbundesanwalt Buback beteiligt gewesen zu sein. Und lässt viele Fragen offen.

          4 Min.

          Die Haltung der früheren RAF-Mitglieder gegenüber deutschen Gerichten war in aller Regel von tiefer Verachtung geprägt. Die Ankündigung der früheren RAF-Terroristin Verena Becker, sich nach mehr als 80 Verhandlungstagen zur Anklage der Bundesanwaltschaft zu äußern, Mittäterin an der Ermordung des früheren Generalbundesanwalts Siegfried Buback gewesen zu sein, ist deshalb voreilig als Vorbote einer möglichen Wende in dem Strafverfahren gewertet worden. Manche hofften sogar, nun werde endlich die „historische Wahrheit“ über den 7. April 1977 ans Licht kommen, den Gründonnerstag vor 35 Jahren, an dem der damalige Generalbundesanwalt in seinem blauen Dienstmercedes von der RAF in der Karlsruher Innenstadt erschossen worden war.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Wer der Todesschütze war, ist bis heute unklar. Deshalb bekam der Prozess am 89. Verhandlungstag vor dem Stuttgarter Oberlandesgericht nun schlagartig wieder etwas von der öffentliche Aufmerksamkeit zurück, die ihm bei Verhandlungsbeginn vor anderthalb Jahren beigemessen worden war. Denn für diesen 89. Verhandlungstag hatten die Strafverteidiger eine Erklärung Verena Beckers angekündigt.

          „Ich war nicht dabei“

          Eine Aussage der Angeklagten gegen Ende der Beweisaufnahme hatte sich schon mehrfach angedeutet, auch die Behauptung der Verteidiger, nach der sich Frau Becker am 7. April womöglich gar nicht in Deutschland aufgehalten hat, ist in dem Verfahren schon diskutiert worden. Die Geschichte der Bundesrepublik müsse nach der Erklärung von Frau Becker gewiss nicht umgeschrieben werden, hatte einer der Strafverteidiger von Frau Becker vor der Verhandlung gesagt. Und so sollte es auch kommen: „In allen Beiträgen und Artikeln, die ich von Ihnen gelesen habe, wollen Sie wissen, wer Ihren Vater getötet hat. Diese Frage kann ich Ihnen nicht beantworten, denn ich war nicht dabei“, sagte die Angeklagte gleich zu Beginn ihrer zwanzigminütigen Erklärung. Auch an der unmittelbaren Vorbereitung des Anschlags sei sie nicht beteiligt gewesen. Zwar habe es Ende 1976 ein Gruppentreffen im Harz und Anfang 1977 ein Treffen in den Niederlanden gegeben, bei letzterem sei sie aber nur am Anfang dabei gewesen. „Ich musste das Treffen vorher verlassen“, sagte Frau Becker.

          Vor ihrer späteren Festnahme 1977 in Singen habe sie sich nie in Stuttgart oder Karlsruhe aufgehalten. Die Tatwaffe sei bei ihrer Festnahme gefunden worden, ihre Aufgabe sei es gewesen, die Waffen in ein Depot zu schaffen. Als auf Siegfried Buback in der Karlsruher Innenstadt geschossen wurde, sei sie im Nahen Osten gewesen. Zeugen für diese Behauptung nennt sie nicht. „Ich selbst trat meine Rückreise am 8. April 1977 an, ich benutzte einen zyprischen Pass und den Namen Stella Hudson.“ Von dem Anschlag auf Buback habe sie erst in Rom am 8. April erfahren. Es habe zu den Grundsätzen der konspirativ arbeitenden RAF gehört, Direktflüge zu vermeiden, sie habe deshalb eine Flugroute, soweit sie sich erinnern könne, über das frühere Jugoslawien und schließlich über Rom gewählt. Weder habe sie jemals mit einer Waffe des Typs geschossen, mit der Buback ermordet worden sei, noch sei sie in der Lage gewesen, ein schweres Motorrad zu steuern. „Um es klar zu sagen, ich habe nie selbst ein Motorrad gefahren.“ Ohne „falsche Behauptungen“, so Frau Becker, wäre niemals eine Anklage gegen sie möglich gewesen. Zwei Zeugenaussagen bestritt Verena Becker vehement: Eine Zeugin will Verena Becker am Tag vor dem Anschlag in Karlsruhe gesehen haben, das sei falsch. „Ich war nicht in Europa.“ Und ebenso „gelogen“ habe der frühere RAF-Terrorist Peter Jürgen Boock, der sie in Aden gesehen haben will.

          Keine Anhaltspunkte für eine Mittäterschaft

          Damit gab die Angeklagte auch zu erkennen, weshalb ihre Anwälte zu dieser Erklärung geraten haben und welche Prozesstaktik sie verfolgen: Die beiden Strafverteidiger sind nämlich der Auffassung, dass sich eine mögliche Verurteilung ihrer Mandantin wegen Beihilfe zum Mord noch abwenden lässt. Je unglaubwürdiger die Aussagen Peter Jürgen Boocks gemacht werden können - er ist der wichtigste Zeuge der Anklage -, desto schwerer dürfte es dem Gericht fallen, die Angeklagte wegen Beihilfe zum Mord zu verurteilen. Für eine Mittäterschaft sehen die Verteidiger ohnehin keine Anhaltspunkte, und das Gericht hatte eine Verurteilung wegen Beihilfe zum Mord schon einmal in Aussicht gestellt.

          „Abmildern durch Weglassen“, könnte man die Strategie der Verteidiger nennen. Sie haben ihre Mandantin zu ziemlich definitiven Aussagen geraten, doch Belege für fast alle ihre Behauptungen lieferte die Angeklagte nicht. Frau Becker sagte, wo sie nicht war, nämlich in Karlsruhe, sie verschwieg aber, wo sie sich zum Tatzeitpunkt aufgehalten hat, geschweige denn, dass von ihr Zeugen für ihre Aussagen benannt wurden. „Sie sagt, sie habe das Treffen in Holland frühzeitig verlassen müssen, sie hört also dort auf, wo es interessant hätte werden können“, sagte Bundesanwalt Walter Hemberger. „Das ist nur der halbe Weg.“ Von der Angeklagten, die sich erst am Ende der Beweiswürdigung äußere, hätte er auch ein Wort zu ihren Fehlern erwartet.

          Keine Antwort für Buback

          Die Angeklagte habe weder gesagt, wer am Anschlag beteiligt gewesen sei, noch habe das Gericht erfahren, wer geschossen habe. „Die Mandantin weiß aus anderen Quellen, wer geschossen hat, sie hat es hier bewusst offen gelassen“, sagte Hemberger. Die Behauptung, Verena Becker habe vom Soziussitz eines Motorrads aus auf den Generalbundesanwalt geschossen, könne man nun allerdings endlich zu den Akten legen. Diese Hypothese hatte der Sohn des Generalbundesanwalts, der Chemiker Michael Buback, in einem Buch publizistisch und in dem Strafverfahren hartnäckig vertreten. Es ist nun die Aufgabe des Gerichts, mit weiteren Beweisanträgen die Aussagen der Angeklagten zu erschüttern. Mit den Plädoyers, die für Mai angekündigt waren, ist wohl frühestens im Juni zu rechnen.

          Verena Becker sagte in der Verhandlung und hatte zuvor durch ihre Anwälte mitteilen lassen, dass sie keine Fragen zu ihrer Erklärung beantworten werde. Michael Buback stellte die Fragen, die ihn seit Jahren beschäftigen, dennoch, sozusagen auf Vorrat. „Uns geht es nur darum zu erfahren, wer die beiden Menschen auf dem Motorrad waren. Haben Sie Hinweise, wer die Karlsruher Täter waren“, fragte Buback. Er habe ja einen „ganz kleinen Funken Hoffnung“ gehabt, die „Buback-Geschichte“ könne endlich gelöst werden, aber Frau Becker sei hinter dieser Hoffnung „weit, weit zurückgeblieben“. Wie angekündigt, bekam Michael Buback keine Antwort. Frau Beckers Verteidiger klärten dem Chemieprofessor dann abermals über den Unterschied zwischen einem Strafprozess und einer Kommission zur historischen Wahrheitsfindung auf: „Diese Probleme können hier nicht gelöst werden, auch nicht, wenn die Angeklagte uns sagen würde, es täte ihr leid.“

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