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RAF-Prozess : Begründete Mutmaßungen

Verena Beckers sehr erfahrene Strafverteidiger setzen seit Monaten darauf, die Glaubwürdigkeit Boocks zu erschüttern. Mitunter führte das zu skurrilen Diskussionen, etwa an dem Prozesstag, an dem sich das Gericht ein auf einem nicht mehr existierenden Pay-Sender ausgestrahltes Interview anschaute, in dem Boock mit einem Amateurjournalisten absurde Thesen über die Zusammenarbeit von Mossad und BND bei der Beseitigung von Palästinenserführern erörterte.

Im November 2010, wenige Wochen nach Beginn des Verfahrens, konnte eine von Buback als Kronzeugin eingeführte Augenzeugin mit ihrer Aussage die These, es habe eine „zierliche Person“ beziehungsweise ein „Hüpferle“ vom Rücksitz aus geschossen, kaum substantiell untermauern. Ihre Ausführungen in Stammheim blieben widersprüchlich, es zeigten sich Erinnerungslücken. „Es waren die kurzen Oberschenkel einer Frau, sie bewegte sich athletisch und war etwa einen Kopf kleiner als der Fahrer“, sagte die Zeugin. Wie kurz aber weibliche Oberschenkel sind und wie lang männliche sein sollten, blieb ungeklärt. „Könnte es sein, dass Sie manche Dinge, die Sie erzählt haben, nur geträumt haben?“, kommentierte ein Bundesanwalt die Aussage.

„In dem Prozess prallen zwei Wahrheiten aufeinander“

Zehn ehemalige RAF-Mitglieder lud das Gericht in den Zeugenstand. Sechs verweigerten die Aussage. Auch Günter Sonnenberg und Stefan Wisniewski machten vom Recht auf Aussageverweigerung Gebrauch; sie gelten als Mittäter. Wisniewski inszenierte seinen Auftritt vor dem Gericht, er erschien mit einem Pullover, auf dem die NSDAP-Mitgliedsnummer von Siegfried Buback gedruckt war.

Nebenkläger Michael Buback 2007 vor einem Bild seines ermordeten Vaters

Die Wahrheit Michael Bubacks ist in dem Verfahren nicht zu einer forensischen Wahrheit geworden. Mit seinem Nebenklagevertreter, einem bekannten Frankfurter Strafrechtler, überwarf sich Buback. Jetzt lässt er sich von zwei jungen Anwälten unterstützen, die den Verlauf des Verfahrens aber nur aus den Akten kennen. „In dem Prozess prallen zwei Wahrheiten aufeinander, eine juristische und eine naturwissenschaftliche“, sagt Elisabeth Buback.

Ihr Mann bemüht im Prozess immer wieder die Logik des Naturwissenschaftlers, die Logik des Strafrechts ist aber eine andere. Sie sucht nicht die „absolute Wahrheit“, sie dreht sich um die Beweiskraft von Zeugenaussagen und die Erfüllung von Tatbestandsmerkmalen. Da kann Buback noch so oft auf Beckers Haarspuren in einem Motorradhelm hinweisen - der Nachweis von Haaren in einem Helm bedeutet nicht, dass die Trägerin des Helms geschossen haben muss.

Zu viele Ungereimtheiten

Buback war bis vor vier Jahren das, was man einen vorbildlichen Bundesrepublikaner nennen könnte. Er stand der CDU nahe, als Mitglied des Schattenkabinetts von Christian Wulff machte er für den damaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten Wahlkampf. Obwohl sich Buback für Wulff ins Zeug gelegt hatte, machte ihn der CDU-Politiker nicht zum Wissenschaftsminister. Früher hat Buback einmal gesagt, dass er sich bei den alljährlichen Gedenkfeiern zur Erinnerung an die schreckliche Tat am Gründonnerstag 1977 bei der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe „geborgen“ fühle.

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