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RAF-Prozess : Begründete Mutmaßungen

Es ist ein Prozess, in dem sich nicht nur der wissenschaftlich erfolgreiche Bildungsbürger Buback und die aus einer Berliner Arbeiterfamilie stammende Angeklagte feindlich gegenüberstehen, sondern auch Nebenklage und Bundesanwaltschaft. Denn aus Sicht Bubacks sitzt in diesem Verfahren nicht nur eine ehemalige Terroristin auf der Anklagebank. Zur Diskussion steht auch das Versagen des Staates, den Mörder des einst wichtigsten Staatsanwaltes der Republik nach 35 Jahren noch nicht gefunden zu haben.

Das Gericht verlegte die Verhandlungen Anfang 2011 aus der stark gesicherten Stammheimer Mehrzweckhalle in das Gerichtsgebäude in der Urbanstraße im Stuttgarter Gerichtsviertel. Das große öffentliche Interesse ist inzwischen geschwunden. Das Gericht lud bisher unberücksichtigte Zeugen der Tat vor, es befragte den kranken Horst Herold, Beamte des Verfassungsschutzes, den ehemaligen Bundesinnenminister Gerhart Baum (FDP) und Journalisten, die mit mutigen Thesen über die Hintergründe des Attentats auf sich aufmerksam gemacht hatten. Jetzt nähert sich der Prozess dem Ende. Im Mai ist mit den Plädoyers und einem Urteil zu rechnen.

„Ich bin kein Anhänger von Verschwörungstheorien“

Michael Buback macht es sich immer noch schwer. „Mir geht es um die Wahrheit, die wirkliche Wahrheit“, sagt er. Für den Fernsehsender „3 Sat“ schreibt er über die Verhandlungstage Berichte in einem Blog. Aus seiner Sicht spricht fast alles dafür, dass Verena Becker geschossen hat. Von Kritikern ist Buback mit einer ziemlich großen Portion Küchenpsychologie vielfach geschmäht worden: Er sei „traumatisiert“, ein „Gefangener seiner Geschichte“, der „Verschwörungstheorien“ anhänge.

Früher Minister, heute Zeuge: Der ehemalige Bundesinnenminister Gerhart Baum (FDP)

All das mag Buback nicht mehr hören: „Ich bin kein Anhänger von Verschwörungstheorien, ich füge nur Beobachtungen und Hinweise unvoreingenommen zusammen. Wenn es einen klaren Beleg dafür gibt, dass Frau Becker nicht auf dem Motorrad saß, ist das doch auch gut. Nur kenne ich keine solchen Hinweise.“ Genaugenommen hat es aber seit einem Jahr kaum Zeugenaussagen gegeben, die zur Erhärtung der Bubackschen Hypothesen beitragen konnten.

Wichtigster Zeuge des Prozesses war und ist der ehemalige RAF-Terrorist Peter-Jürgen Boock. Er hatte am 23. Dezember 2009 der Bundesanwaltschaft berichtet, dass Verena Becker damals willens gewesen sei, den Befehl der in Stammheim einsitzenden Terroristen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe zu befolgen und Buback zu töten. „Verena Becker kam es sehr darauf an, den Willen der Stammheimer in der Gruppe draußen durchzusetzen“, äußerte Boock. Im April 2007 hatte Boock, der über sich selbst sagt, er habe früher „gelogen, was das Zeug hält“, der Zeitschrift „Der Spiegel“ gesagt, Christian Klar sei gewiss nicht der Motorradschütze gewesen, sondern vermutlich Stefan Wisniewski. Wiederum zuvor hatte Boock mit Michael Buback telefoniert und damit dessen Recherchen angestoßen.

Der wichtigste Zeuge enttäuscht

Im Februar 2011 saß Boock dann als Zeuge im Stammheimer Mehrzweckgebäude. Die Rolle Verena Beckers bei der Ausführung und Vorbereitung des Attentats klärte seine Aussage jedoch nicht. Frau Becker sei keineswegs die „Wortführerin“ gewesen und habe auch nicht zum Kommando „Ulrike Meinhof“ gehört. Wer der Schütze auf der Suzuki war, erfährt das Gericht von Boock nicht. Nach seiner Aussage hat wahrscheinlich Günther Sonnenberg das Motorrad gesteuert. Die Vermutung, dass Wisniewski der Schütze gewesen sein könne, wiederholt Boock nicht. Der wichtigste Zeuge enttäuscht, oft wurde Boock als „Märchenonkel“ der RAF bezeichnet.

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