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Die Grünen in Icking : Vom „Putzministerium“ ins Rathaus

Laura von Beckerath-Leismüller tritt bei der Kommunalwahl in der Isartalgemeinde Icking für die Grünen an. Bild: Harry Wolfsbauer

Bei der letzten Landtagswahl im bayrischen Icking, eine Hochburg der CSU, erhielten die Grünen mehr Stimmen als die Christsozialen. Nun setzen die Grünen bei der Kommunalwahl auf Quereinsteiger und Videoclips.

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          Nicht mal einen Ortsverband habe es gegeben, sagt Laura von Beckerath-Leismüller, als sich im Oktober 2018 in Icking ein grünes Wunder abspielte. Bei der bayerischen Landtagswahl kamen die Grünen in der wohlhabenden Isartalgemeinde unerwartet auf Platz eins. Mit 31,5 Prozent der Stimmen lagen sie vor der CSU, die mit 31,3 Prozent Zweitstimmen zum ersten Mal überhaupt auf Platz zwei verwiesen wurde. Fünf Jahre zuvor war noch alles wie eh und je gewesen. Fast jeder Zweite wählte in der Gemeinde mit gut 3600 Einwohnern die Christsozialen. Im benachbarten Wolfratshausen wohnt unter anderem der frühere CSU-Ministerpräsident und Kanzlerkandidat Edmund Stoiber.

          Nun hat Icking seit April nicht nur einen grünen Ortsverband. Von Beckerath-Leismüller will für die Grünen auch Bürgermeisterin des Dorfes mit dem traumhaften Blick auf die Bayerischen Alpen werden. Denn im März finden wie überall in Bayern Kommunalwahlen statt. Warum strebt die 42 Jahre alte Frau, die erst seit etwa zwei Jahren Parteimitglied ist und bisher auch nicht dem Gemeinderat angehörte, gleich das höchste kommunalpolitische Amt an? Der Zeitpunkt sei richtig. „Ich habe beruflich alles erreicht und will jetzt noch einmal richtig Gas geben“, sagt sie. Zudem tritt die seit 2006 amtierende Bürgermeisterin von Icking nicht mehr zur Wiederwahl an.

          Fokus auf die Verkehrspolitik

          Was von Beckerath-Leismüllers Aussichten trüben könnte, ist, dass sich auch Beatrice Wagner von der SPD für das Amt des Bürgermeisters bewirbt. Zur letzten Gemeinderatswahl sind SPD und Grüne noch mit einer gemeinsamen Liste angetreten. Von Beckerath-Leismüller sagt, sie finde es gut, dass auch Wagner antritt. „Sie ist eine sehr nette und kompetente Kandidatin.“ Die grüne Bürgermeisterkandidatin sagt auch: „Es wird auf eine Stichwahl hinauslaufen.“ Das ist wohl ein Grund für ihre Gelassenheit. Zudem freue sie sich, dass vier Kandidatinnen um die Nachfolge der Amtsinhaberin kämpfen. „Die Kandidatur geht aber nur, weil mein Mann mich unterstützt.“ Sie könne, wenn sie Bürgermeisterin werde, nicht einfach um fünf Uhr nachmittags „den Stift fallen lassen“.

          Die Dinge ändern will von Beckerath-Leismüller vor allem in der Verkehrspolitik. In Icking gebe es zwei Gymnasien und drei Kindergärten. „In wenigen Minuten treffen tausend Schüler ein.“ Der Ort brauche dringend neue Zebrastreifen und Bürgersteige. Zuvor hatte sich von Beckerath-Leismüller in der „Bürgerinitiative Verkehrssicherheit Icking“ sowie in der Flüchtlingshilfe engagiert.

          Der Stellenwert des Kapitalismus

          Die Unternehmerin, deren Reinigungsfirma 25 Angestellte zählt, steht für einen neuen Kandidatentypus: Quereinsteiger, die nicht mehr aus dem inzwischen ergrauten grünen Urmilieu stammen. Davon gibt es in Bayern mittlerweile eine ganze Reihe. Denkt von Beckerath-Leismüller, deren Unternehmen „Putzministerium“ heißt, kapitalistischer als manche ihrer Parteifreunde? „Das würde ich nicht behaupten.“ Sie sei nicht der Typ, der Steuern optimiere. Von Beckerath-Leismüller, die vor der Rückkehr in ihren Heimatort Icking auch in London, Köln und München gelebt hatte, gibt aber zu, dass sie früher selbst mit dem Auto in die Stadt gefahren und oft geflogen ist. Nun fahre sie mit der Familie lieber in die bayerischen Alpen und nach Südtirol. Von der „Fridays-for-Future“-Bewegung zeigt sie sich beeindruckt: „Ich kann mich an keine Zeit erinnern, in der sich Jugend so geschlossen für ein Anliegen eingesetzt hat.“

          Auf junge Leute setzen die Grünen bei der Wahl in ganz Bayern: „Die jungen Menschen wollen nicht nur streiten, sondern auch etwas tun“, sagt Birgit Zipfel, die bei den bayerischen Grünen für Mitglieder- und Organisationsentwicklung zuständig ist. In ihrem eigenen Wohnort im Münchner „Speckgürtel“ habe sich gerade eine grüne Jugend gegründet. Kandidaten wurden vor den Nominierungen auch mit Videoclips gesucht. „Wir brauchen dich in der Kommunalpolitik“, lautete die Überschrift. Sie seien gemeinsam mit den Ortsverbänden entwickelt worden.

          Während Zipfel davon spricht, dass die Videos „viral“ gegangen seien, gibt sich Peter Gack zurückhaltender. Die Kampagne sei eine „nette Unterstützung“, sagt der Geschäftsführer der Grünen und Alternativen in den Räten Bayerns (GRIBS). Man müsse aber schon aktiv werden und die Leute auf einen Kaffee einladen. Gack, der die GRIBS schon seit 1993 leitet, sagt aber auch: „Wir hatten es dieses Mal leichter.“ Der politische Erfolg, den die Grünen 2018 bei der Landtagswahl feierten, macht offenbar attraktiv. „Auch die weißen Flecken ergrünen langsam“, sagt Gack über Regionen wie die Oberpfalz, Niederbayern und Oberfranken, in denen sich die Grünen traditionell schwertun. „Ich gehe mit supertollem Gefühl und mit geschwellter Brust in den Wahlkampf“, sagt er. Statt gegenwärtig rund 1800 Gemeinderäte mit grünem Parteibuch sollen es künftig deren 2500 werden. Die Zahl von 17 grünen Bürgermeistern sollen sich sogar verdoppeln.

          Zu ihnen soll auch Laura von Beckerath-Leismüller in Icking gehören. Sie hat sich für den Fall einer Wahl vorgenommen, in die Vereine zu gehen und zu fragen: „Was braucht ihr?“ Sie wolle „total bürgernah sein“. Gack, der seit 27 Jahren im Gemeinderat von Bamberg sitzt, warnt aber: Es brauche auch viel Fleiß, um sich in die Materie einzulesen und alle Termine wahrzunehmen, denn: „Grüne lesen ihre Akten sehr genau.“

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