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Bayern gegen Kursänderung : Quarantäne statt kostenlose Tests für Rückkehrer

Corona-Test in Köln Bild: dpa

Die Gesundheitsminister der Länder wollen die Testpflicht für Rückkehrer aus Risikogebieten abschaffen und sie in Quarantäne schicken. Als Grund nennen sie auch fehlende Reagenzien. Doch Bayern schießt quer und hält die Diskussion für „verfrüht“.

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          Die Corona-Pandemie bringt es mit sich, dass ständig über neue Knappheiten berichtet wird. Erst waren es die Masken und auch Tests, nun gibt es Masken im Übermaß und angeblich nicht mehr genügend Tests. Am Vormittag musste die Vorsitzende der Gesundheitsministerkonferenz, Berlins Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) im Gesundheitsausschuss des Abgeordnetenhauses zugeben, dass die Testkapazitäten in Berlin schon jetzt zu 93 Prozent ausgeschöpft sind und die Verbrauchsmaterialien der Labore zur Neige gehen.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Einige Laborärzte und der Charité-Virologe Christian Drosten hatten sich deshalb schon am Wochenende in einem Brief an den Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD) und Kalayci dafür ausgesprochen, Reiserückkehrer nicht mehr zu testen, um noch genügend Testkapazitäten für Altenheime zu haben. „Wenn wir wochenlang Volllast fahren in dem Bereich, werden wir Material- und Personalprobleme bekommen“, sagte am Montag ein Sprecher des Gesundheitsministeriums. Pro Woche werden etwa 875.000 Corona-Tests gemacht. Die Labore hätten eine theoretische Kapazität von rund 1,2 Millionen.

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          Pflichttests für Reiserückkehrer aus Risikogebieten und kostenlose Corona-Tests für Urlauber aus anderen Regionen wollen die Gesundheitsminister von Bund und Ländern am Ende der Sommerferien nicht mehr fortsetzen. Es habe eine hohe Übereinstimmung gegeben, die Tests für Reisende zu Beginn der Rückreisesaison auszuweiten, sagte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), doch sei man sich nun einig, dass die Kapazitäten am Ende der Reisewelle wieder stärker im Bereich Pflege und Krankenhäuser genutzt werden sollten.

          Eine hohe Übereinstimmung ist keine hundertprozentige Übereinstimmung: Bayern ist gegen ein vorzeitiges Ende der Corona-Testpflicht für Urlaubsrückkehrer. „Die Diskussion zur Beendigung einer Testpflicht für Reiserückkehrer aus Risikogebieten ist verfrüht“, sagte Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) am Montagabend in München nach der Konferenz. Die Auswertungen aktueller Ausbruchsschwerpunkte von Corona-Infektionen zeige klar die Bedeutung von infizierten Reiserückkehrern an diesen Infektionsketten. Huml äußerte sich besorgt über die zuvor mehrheitlich von ihren Amtskollegen aus Bund und Ländern befürwortete neue Teststrategie im Umgang mit Urlaubsheimkehrern. „Jetzt, wo dieses wirkungsvolle Instrument greift und akzeptiert ist, sollte man es nicht verfrüht stoppen“, betonte sie und verwies auf die erzielten Erfolge bei den Kontrollen in Bayern. „Die frühe Testung bei der Einreise schafft nicht nur eine schnelle Information und Sicherheit beim Betroffenen, sondern ist auch ein effektives Hilfsmittel bei der Unterbrechung von Infektionsketten."

          Die Gesundheitsminister hatten sich zuvor bei einer Schaltkonferenz trotz der bayerischen Skepsis mehrheitlich dafür ausgesprochen, dass, wer aus einem Risikogebiet zurückkehrt, sich künftig beim Gesundheitsamt melden und wieder in Quarantäne begeben müssen. Diese kann im Unterschied zur jetzigen Regelungen erst dann beendet werden, wenn mit einem frühestens fünf Tage nach der Einreise gemachten Test ein negatives Ergebnis vorgewiesen wird. Damit wird die Quarantäne für Rückkehrer aus Risikogebieten verlängert. Gegenwärtig müssen sich diese testen lassen, wenn sie keinen eigenen maximal 48 Stunden alten negativen Test vorweisen können. Voraussichtlich soll die neue Regelung nach Ende der baden-württembergischen Sommerferien vom 15. September an gelten.

          Andere Unternehmen hätten noch Kapazitäten

          Der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach warnte auf Twitter davor, dass der Nachschub für Tests im ganzen Land knapp werde. „Im Herbst werden wir klar priorisieren müssen, wer einen Test bekommt“, sagte Lauterbach. Arndt Rolfs, der CEO der Rostocker Firma Centogene, die Testzentren am Flughafen in Frankfurt und Hamburg betreibt und Corona-Tests herstellt, widersprach gegenüber der F.A.Z. der Behauptung entschieden, dass Reagenzien knapp würden. Es habe bei der Firma Roche leider ein Problem mit Lieferketten für eine spezielle Testtechnologie gegeben. Sein mittelständisches Unternehmen mache derzeit 45.000 bis 50.000 Tests, es könne auch 100.000 Tests pro Tag anbieten.

          „Man muss in einer Krise nach flexiblen Lösungen suchen, und eine Knappheit des Labormaterials kann ich nicht erkennen, insbesondere wenn man mit verschiedenen Anbietern von Labordiagnostika zusammenarbeitet“, sagte Rolfs. „Es wird am Ende die Kombination einer schnellen Digitalisierung der Registrierung und Ergebnisübermittlung und eines guten Handwerks zielführend sein, das nicht immer nur auf eine Technologie setzen darf“. Im Sinne der Infektionsprophylaxe gebe es kein besseres Instrument als das Testen, sagte der Unternehmer und Medizinprofessor.

          Die Kritik an den kostenlosen Tests für Urlaubsrückkehrer und vor allem Reiserückkehrer aus Risikogebieten war schon vor der Gesundheitsministerkonferenz immer lauter geworden. Immer mehr Ministerpräsidenten, darunter auch die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) hatten sich gegen die kostenlosen Tests gewandt und stieß auch bei Gesundheitsministern auf Zustimmung. Die vermeintliche Knappheit von Labormaterial und Personal wurde auch nach der Konferenz wieder als Begründung für die geänderte Teststrategie genannt.

          Uneins waren die Gesundheitsminister über den Vorschlag des Bundesgesundheitsministers in die Konferenz gegangen, bundesweit Obergrenzen für Familienfeiern festzulegen. Vor allem ostdeutsche Ministerpräsidenten bremsten die Debatte mit Verweis auf ihre Länder und deren Infektionszahlen, während Bayern und Baden-Württemberg dem Vorschlag angesichts zunehmender Infektionszahlen durchaus etwas abgewinnen konnten. Genaueres wird erst die Videokonferenz der Bundeskanzlerin mit den Ministerpräsidenten ergeben.

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