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Psychiatrische Gutachten : Zwischen Irrsinn und Verbrechen

Kriterien - das klingt nach Wissenschaft. Aber bei der menschlichen Psyche bleiben doch immer Unsicherheitsfaktoren. Was eine „seelische Abartigkeit“ ist, ist eine reine Wertungsfrage - entscheidet aber letztlich darüber, ob ein Straftäter schuldhaft oder schuldlos handelt. Wie „normal“ sind eigentlich Terroristen? Die RAF-Mitglieder hielten die Gerichte für voll schuldfähig, aber ist es nicht krank, einen Guerrillakampf gegen das „faschistoide System“, gegen die „Schweine in Uniform“ zu führen? „Sie haben sich abgekapselt und gegenseitig aufgeschaukelt. Das sind normale psychologische Prozesse“, sagt Müller-Isberner. Auch Menschen, die sich ganz einer Sekte verschreiben und ihr Leben vollständig selbst entwürdigenden Ritualen unterwerfen, hält er in aller Regel nicht für krank.

„Vorsätzlich falsch“

„Das ist doch ihr freier Wille.“ Wichtig sei auch der kulturelle Hintergrund, sagt Müller-Isberners Kollege Christian Oberbauer, Chef der Forensischen Psychiatrie in Wiesloch: „Wenn ein Patient aus Afrika kommt und Geister hört, ist das anders zu bewerten als bei einem Deutschen.“ Auch die Brutalität einer Tat sei kein Anzeichen für Unzurechnungsfähigkeit. „Kriminalität zu psychiatrisieren ist der falsche Ansatz“, so Müller-Isberner. Dann wäre jeder Mörder, eben weil er ein Mörder ist, nicht schuldfähig. „Die meisten Täter treffen schlicht und einfach eine Entscheidung nach einer mehr oder weniger elaborierten Abwägung der Folgen und Risiken und auch der ethischen Aspekte.“

Gustl Mollath wollte mit den meisten seiner Psychiater nicht sprechen. Die Anwesenheit des Gutachters Nedopil bezeichnete er zu Beginn des Wiederaufnahmeverfahrens vor dem Landgericht Regensburg als „Damoklesschwert“. „Ich bekomme Beklemmungen und Angstzustände, die meine Verteidigungsmöglichkeit unmöglich machen“, sagte Mollath. Die fehlende Kooperationsbereitschaft hat ihm in der Vergangenheit geschadet, denn die Ablehnung von Diagnostik und Behandlung werteten die Psychiater als Argument für Mollaths fortdauernde Gefährlichkeit. Die einzige Möglichkeit ist in solchen Fällen ein Gutachten nach Aktenlage, also vor allem anhand von Verhaltensbeobachtungen der Tatzeugen und Aufzeichnungen der Vollzugsbeamten.

Müller-Isberner kann daran nichts Verwerfliches finden: „Um ein gebrochenes Bein zu diagnostizieren, reicht doch auch das Röntgenbild.“ Doch ist eine wahnhafte Störung nach außen hin so leicht zu erkennen wie ein Knochenbruch? Gustl Mollaths Unterstützer üben heftige Kritik - nicht nur an der Begutachtung nach Aktenlage. Sie halten die Gutachten, die den Angeklagten als wahnhaft einstufen, insgesamt für „grob unsinnig“ und „vorsätzlich falsch“. Gutachter Friedrich Weinberger, den die Unterstützer beauftragt haben, unterstellt seinem renommierten Kollegen Friedemann Pfäfflin eine „raffiniert angelegte“ und „bewusste Irreführung“ des Gerichts.

Richtern fehlt es an Fachwissen

Norbert Nedopil, der nun selbst Sachverständiger im Wiederaufnahmeverfahren ist, nahm seine Kollegen bei seiner mündlicher Stellungnahme im Landgericht Regensburg in Schutz. Wie es zur Diagnose einer wahnhaften Störung gekommen sei, sei nachvollziehbar, sagte Nedopil am vergangenen Freitag. Im vergangenen September noch hatte er allerdings bei einem Vortrag im Rahmen der polnisch-deutschen Psychiaterkonferenz von einer „Dilemmalage“ in der deutschen forensischen Psychiatrie gesprochen und in diesem Zusammenhang auch den Fall Mollath genannt. Dazu wäre es nicht gekommen, „wenn sich die Autoren der Gutachten und die Gerichte daran gehalten hätten, was in den Mindestanforderungen steht“.

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