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IS-Prozess in Celle : Einmal Krieg und zurück

Werbung wirkt: Der Islamische Staat versteht es, sich und seine Grausamkeit zu inszenieren, und zieht damit viele junge Menschen an - auch in Deutschland. Bild: Picture-Alliance

An diesem Montag beginnt in Celle der Prozess gegen zwei Deutschtunesier, die sich dem „Islamischen Staat“ angeschlossen hatten. Der Prozess dürfte Einblicke in die Wolfsburger Islamistenszene geben.

          7 Min.

          Werksferien macht das Wolfsburger Volkswagen-Werk im August, so war es auch im vergangenen Jahr. Der neu eingestellte VW-Mitarbeiter Ayoub B. hat sich für diese Zeit vorgenommen, mit seiner Familie in den Urlaub in die tunesische Heimat zu fliegen. In den siebziger Jahren hatte Volkswagen dort scharenweise Mitarbeiter angeworben. Und, ach ja, heiraten will Ayoub B. in Tunesien auch. Im April 2014 allerdings entscheidet sich der Mann, der im Volkswagenwerk die Neuwagen auf Kratzer prüft und Scheiben poliert, um. Ayoub B. meldet sich bei seinem Arbeitgeber und zieht seinen Urlaub vor. Statt für einen Urlaub in Tunesien hat sich der VW-Mitarbeiter für den Dschihad in Syrien entschieden. Ayoub B. hat ideologisch umgebucht, reist nun auf dem geistigen Ticket des „Islamischen Staats“.

          Reinhard Bingener
          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          An diesem Montag beginnt vor dem Staatsschutzsenat des Oberlandesgerichts Celle der Prozess gegen den 27 Jahre alten Ayoub B. sowie gegen seinen Mitreisenden, den 26 Jahre alten Ebrahim H. B. Die Bundesanwaltschaft wirft beiden die Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung vor und Ayoub B. darüber hinaus auch die Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat. Der Prozess dürfte Einblicke in die Wolfsburger Islamistenszene geben, die zu den aktivsten in Deutschland zählt. Das Landeskriminalamt Niedersachsen spricht von „etwa 30 bis 40 Personen mit dschihadistischen Bezügen“. Zwanzig von ihnen sollen nach Auskunft des Landeskriminalamts Niedersachsen (LKA) seit 2013 selbst ins Kriegsgebiet gereist sein, zwei von ihnen in diesem Jahr. Nach einem Bericht der „Bild“-Zeitung sollen bisher insgesamt sieben Wolfsburger dort gestorben sein, zuletzt der 30 Jahre alte Mohamed B.-F., dessen Tod erst vor wenigen Tagen vermeldet wurde.

          Welche Rolle spielt die türkische Religionsbehörde Diyanet?

          Die beiden Angeklagten, die jeweils sowohl die deutsche als auch die tunesische Staatsangehörigkeit besitzen, sollen sich in der Wolfsburger Ditib-Moschee radikalisiert haben. Die Ditib ist der verlängerte Arm der staatlichen türkischen Religionsbehörde Diyanet. Auf die Rolle des türkischen Staates wird man im Fall der beiden Angeklagten noch zwei weitere Male kommen müssen. In der Ditib-Moschee jedenfalls hören die jungen Wolfsburger einem offensichtlich sehr begabten Anwerber des IS zu: Yassin Oussaifi. Er gewinnt das Vertrauen der jungen Männer. Weil er selbst kaum Deutsch versteht, soll Oussaifi mit ihnen Arabisch gesprochen haben.

          Darin mag man ein entlastendes Element im Hinblick auf die türkischsprachige Ditib-Einrichtung erkennen: Vielleicht haben die türkischen Muslime inhaltlich nur unzureichend registriert, was da unter ihrem Dach verbreitet wurde. Aber kann die Ditib von alldem wirklich gar nichts mitbekommen haben? Aus einem anderen deutschen Islamisten-Zentrum, Dinslaken, tauchte jüngst ein Foto auf, das einen Ditib-Vorstand in Salafisten-Pose zeigt. Der Zeigefinger ist ausgestreckt und bedeutet: ein Gott, ein Staat.

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          Die Familie von Ayoub B. irritiert die Entwicklung ihres Sohnes, der sich zuvor eher für Fußball und Alkohol als für radikale Auslegungen des Islams zu interessieren schien. Ayoub B.s Vater, stellvertretender Vorsitzender eines deutsch-tunesischen Integrationsvereins, soll sich Sorgen gemacht haben. Einen Monat vor der Ausreise von Ayoub B. wendet sich die Familie an das niedersächsische Landeskriminalamt, soll dabei auch vor dem IS-Anwerber Yassin Oussaifi gewarnt haben. Ein Entzug des Reisepasses erfolgte jedoch nicht. Auch eine Gefährder- oder Familienansprache, eine klassische Präventivmaßnahme seitens der Behörden, unterblieb, wie Dirk Schoenian, der Anwalt von Ayoub B., kritisiert. Das LKA teilt dazu mit, es habe lediglich ein einziger mündlicher Hinweis vorgelegen. Dieser habe aber „weiter nicht verifiziert werden“ können, da der Hinweisgeber „die Kommunikation mit dem LKA komplett abbrach“.

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